Der Autor und Historiker Dr. Andreas Kossert las bei ZMO. Foto: Oliver Gehrig

BRETZENHEIM – „In jedem von uns steckt ein Flüchtling“: Das ist die Maxime des Historikers und Autors Dr. Andreas Kossert, der sein mehrfach ausgezeichnetes, 2020 erschienenes Sachbuch „Flucht – eine Menschheitsgeschichte“ jetzt vor rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörern beim Verein „Zusammenarbeit mit Osteuropa“ (ZMO) vorstellte. Darin wirbt er für einen Perspektivenwechsel und beschreibt das Thema Flucht aus der Sicht der Flüchtlinge. Er ergreift Partei für die Flüchtlinge und sensibilisiert für das Thema Flucht und Heimatverlust. „Die verlorene Heimat ist etwas, das mich seit der Kindheit begleitet hat, denn meine Eltern waren ebenfalls Flüchtlinge“, erläuterte Kossert den Hintergrund.

Das Grußwort sprach Kulturdezernentin Marianne Grosse. Foto: Oliver Gehrig

Der Autor gliedert sein Werk in die vier Kapitel Weggehen, Ankommen, Weiterleben und Erinnern. Nach ausführlicher Recherche unzähliger Quellen und weltweiten Gesprächen mit Flüchtlingen lässt er in seinem Werk Betroffene zu Wort kommen wie etwa Bauer Friedrich, der 1945 bei seiner Flucht aus Masuren Land, Hof und Tiere zurücklassen musste oder einen Exilkubaner in New York City, der 1983 sagte: „Jeder Mensch, der außerhalb seines Umfeldes lebt, ist ein bisschen wie ein Geist.“ Da es zum Thema Heimweh kaum eine Quelle gebe, geht Kossert in seinen Interviews auf „emotionale Tiefenbohrung“. Kossert: „Flucht ist kein Abenteuer. Was zurückgelassen wird, ist für immer verloren.“ Leider seien viele Flüchtlinge mit Fremdenhass und Abneigung konfrontiert. „Willkommenskultur ist historisch die Ausnahme.“ 2020 waren 83 Millionen Menschen auf der Flucht, so Kossert. „Ich habe mich dazu entschlossen, dieses anonyme Kollektiv mit individuellen Geschichten zu durchbrechen.“

Für den musikalischen Rahmen sorgte Manolo Lohnes. Foto: Oliver Gehrig

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass viele der Zuhörerinnen und Zuhörer eigene Erlebnisse zum Thema Flucht zu berichten haben. In bewegenden Worten erzählte etwa ZMO-Vorsitzende Jutta Hager ihre eigene Geschichte. Der Ehrengast, Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD), stellte heraus, dass in den vergangenen zwei Jahren rund 10.000 Flüchtlinge in Rheinland-Pfalz eine neue Heimat gefunden haben. „Unsere Gesellschaft verändert sich, sie wird dadurch vielfältiger, heterogener und schöner.“

Für den musikalischen Rahmen der Lesung sorgte der Bretzenheimer Gitarrist Manolo Lohnes, der mit seinen Liedern an das Schicksal der vertriebenen Mauren und spanischen Juden erinnerte.

 

Autor: Oliver Gehrig

Teilen
Vorheriger ArtikelSitzbänke sollen im März errichtet werden
Nächster ArtikelMit Batterie und mit Brennstoffzelle
Ich bin gebürtiger Mainzer, Jahrgang 1967 und seit mehr als 20 Jahren hauptberuflich journalistisch in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport tätig. Für die Lokale Zeitung berichte ich seit 2014 aus Bretzenheim, Hechtsheim, Lerchenberg, HaMü, AKK und der Oberstadt sowie aus Finthen und Gonsenheim. In meiner Freizeit fahre ich gerne Fahrrad. Weitere Hobbies sind Tennis, Fußball und Aquaristik.