Das Gedenken fand an der Stele in der Wormser Straße statt. Foto: Oliver Gehrig

WEISENAU – Chana Kahn wurde am 21. September 1942 in Mainz-Weisenau geboren und am 6. Oktober 1944 im Alter von zwei Jahren und 15 Tagen von den Nazis in Auschwitz ermordet. Sie war das letzte jüdische Kind, welches in Weisenau geboren wurde. Jetzt wäre Chana 80 Jahre alt geworden. In Erinnerung an Chana und ihre Familie gab es jetzt eine ökumenische Andacht in der katholischen Kirche Mariä Himmelfahrt, gefolgt von einem Gedenken an der Stele an der Wormser Straße 23-25, die an die Verbrechen an der jüdischen Gemeinde erinnert.

Dieser Stolperstein erinnert an Chana Kahn. Foto: Oliver Gehrig

„Ich freue mich, dass Sie sich zum Gedenken an Chana Kahn eingefunden haben“, sagte der katholische Pfarrer Christian Nagel zu Beginn und begrüßte die anwesenden Gemeindemitglieder in der Kirche zur Andacht. Nach einem kurzen Orgelstück und einem Glockenläuten ging der frühere Ortsvorsteher Max Brückner in seiner Ansprache auf die Vita von Chana Kahn und ihrer Familie ein. „Das letzte jüdische Paar, das in Weisenau getraut wurde, das waren Chanas Eltern“, sagte Brückner. Die Hochzeit von Walter und Irma Kahn fand am 12. Januar 1940 statt. Das Paar lebte laut Brückner zunächst in Weisenau und dann unter menschenunwürdigen Bedingungen in einem der sogenannten „Judenhäuser“ in der Leibnizstraße 15 in der Mainzer Innenstadt, wo am 31. Oktober 1940 ihr Sohn Gideon geboren wurde. Die junge Familie wurde dann 1942 gezwungen, nach Weisenau zurückzukehren, in ein weiteres „Judenhaus“ in der damaligen Rheinstraße 25, der heutigen Wormser Straße 25. Hier wurde Chana geboren. Die Deportierung der Familie ins KZ Theresienstadt folgte am 10. Februar 1943. „Mit dem Namen Theresienstadt hatten viele Juden die Hoffnung auf Überleben verbunden“, sagte Brückner. „Sie wurden alle enttäuscht.“ Unmittelbar nach der Weiterdeportierung nach Auschwitz starben Irma Kahn und ihre kleinen Kinder Gideon und Chana am 6. Oktober 1944 in einer der Gaskammern. Vater Walter Kahn starb ein Jahr später als Folge der Zwangsarbeit in den Kauferinger Lagern. „Als jüngstes Mitglied steht Chana Kahns Name für die Ausrottung der jüdischen Gemeinde in Weisenau“, so Brückner.

In der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt fand die ökumenische Andacht statt. Foto: Oliver Gehrig

Pfarrerin Britta Busch von der evangelischen Kirchengemeinde spielte im Anschluss an die Rede das Lied „Berlin – Tel Aviv“ („Ich bin der Stern“) von Max Herre vor. „Mich hat das Lied bewegt, weil der Text aus der Perspektive eines Kindes ist“, erläuterte die Pfarrerin. Es setze ein Zeichen gegen Gewalt und Antisemitismus. Danach sangen Pfarrer Christian Nagel und die anwesenden Gemeindemitglieder „Von guten Mächten“ von Dietrich Bonhoeffer. Die Fürbitten sprach Barbara Hof-Barocke vom Geschichts- und Brauchtumsverein Mainz-Weisenau. Mit dem „Gottes Lob“ und einem Gebet endete die ökumenische Andacht. Es folgte ein Gedenken mit Blumenniederlegung an der Stele vor der Wormer Straße 23-25. In der Nähe befinden sich auch die vier Stolpersteine in Erinnerung an die Familie Kahn, die vor einem Jahr vor der Wormser Straße 47 errichtet wurden.

 

Autor: Oliver Gehrig

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Ich bin gebürtiger Mainzer, Jahrgang 1967 und seit mehr als 20 Jahren hauptberuflich journalistisch in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport tätig. Für die Lokale Zeitung berichte ich seit 2014 aus Bretzenheim, Hechtsheim, Lerchenberg, HaMü, AKK und der Oberstadt sowie aus Finthen und Gonsenheim. In meiner Freizeit fahre ich gerne Fahrrad. Weitere Hobbies sind Tennis, Fußball und Aquaristik.