Eine von insgesamt vier sogenannten Sceattas, die in Ingelheim gefunden wurden. Diese frühmittelalterlichen Münzen aus Silber, die u. a. in Friesland, Jütland und England geprägt wurden, sind ein sicheres Indiz für Handelsbeziehungen mit den entsprechenden Regionen. Von der Bezeichnung Sceatta leitet sich unser Wort „Schatz“ ab. Bild: Stadtverwaltung Ingelheim. Foto: Stadtverwaltung Ingelheim

INGELHEIM – Historiker und Archäologen untersuchten bei einer internationalen Fachtagung die vielfältigen Beziehungen zwischen Nord- und Mitteleuropa im Frühmittelalter. Mit Holger Grewe, Leiter der Forschungsstelle Kaiserpfalz, und Ramona Kaiser (Arbeitsbereich Projektentwicklung) waren auch zwei Mittelalter-Experten aus Ingelheim nach Aachen gereist.

Die Vorträge und Ergebnisse des Aachener Kolloquiums erscheinen 2024 in einem Tagungsband, der von Matylda Gierszewska-Noszczyńska (Forschungsstelle Kaiserpfalz), Lutz Grunwald (Forschungsbereich Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte des RGZM) und Oliver Grimm (Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in Schleswig) herausgegeben wird. Wie schon bei der letzten Publikation wird die Forschungsstelle auch diesen Band in Kooperation mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie publizieren.

Bürgermeisterin und Kulturdezernentin der Stadt Ingelheim Eveline Breyer freut sich: „Dass unsere Zusammenarbeit mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum nach dem 2021 gemeinsam veröffentlichten Tagungsband ,Zwischen Machtzentren und Produktionsorten‘ mit einer weiteren Publikation erneut Früchte tragen wird, zeigt, auf welch hohem wissenschaftlichen Niveau sich die Arbeit der Forschungsstelle Kaiserpfalz bewegt“.

In Aachen drehten sich die Beiträge und Diskussionen um die Frage, welchen Einfluss die wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen auf die Machtzentren des Südens und die Herrschersitze skandinavischer Fürsten in Haithabu, Schleswig oder Starigard-Oldenburg hatten. So lassen sich Einflüsse der Pfalzenarchitektur auf Königshöfe im frühmittelalterlichen Skandinavien erkennen. Im frühmittelalterlichen Fundgut an Mittelrhein, Untermosel und angrenzenden Regionen lassen sich individuelle Fernkontakte mit dem Norden nachweisen, die mal auf kriegerische Handlungen, mal auf Wirtschaftsbeziehungen hindeuten.

In Ingelheim haben „Nordmänner“ archäologische Spuren hinterlassen. Dies machte der Vortrag „Wirtschaft, Handel und Politik – Zeugnisse der Fernkontakte in den Norden aus archäologischen und historischen Quellen zu Ingelheim“ von Ramona Kaiser und Matylda Gierszewska-Noszczyńska in Aachen deutlich. Sie berichteten von einem Brandgrab aus karolingischer Zeit, das in Frei-Weinheim gefunden wurde. Schon allein die unchristliche Brandgrabsitte deutet dabei auf eine Herkunft des Bestatteten aus nördlichen, noch nicht christianisierten Regionen hin. Im Ingelheimer Fundgut tauchen zudem immer wieder Sceattas auf, kleine, frühmittelalterliche Münzen aus Silber, die in Friesland, Jütland und England geprägt wurden. Ihr Vorkommen in Ingelheim ist der sicherste Belegt dafür, dass Menschen aus Regionen nördlich des fränkischen Reiches auch als friedliche Kaufleute den Rhein hinauffuhren und hier an Land gingen.

 

Historischer Hintergrund

Als im Juni des Jahres 826 plötzlich unbekannte Schiffe auf dem Rhein bei Ingelheim auftauchten, dürfte so manchem Zeitgenossen der Schrecken in die Glieder gefahren sein. Handelte es sich um einen Überfall von Kriegern aus dem Norden? Die Sorgen waren in diesem Fall unbegründet, denn die Männer an Bord, jene „Wikinger“, wie die zwar gängige, streng wissenschaftliche, aber ungenaue Bezeichnung für skandinavische Kulturen und Völker jener Zeit lautet, waren nicht auf Raubzüge aus: Ihr Anführer, der abgesetzte Dänenkönig Harald Klak, kam auf Einladung Ludwigs des Frommen, um in der Ingelheimer Pfalz an einer Reichsversammlung teilzunehmen. Der Gast aus Jütland war schon seit 814 ein Vasall des fränkischen Königs, nun erhoffte er sich von ihm militärische Unterstützung bei internen Machtkämpfen in seiner Heimat. Die bekam er auch von Ludwig – allerdings erst, nachdem er sich am 24. Juni 826 im Stift St. Alban bei Mainz hatte taufen lassen.

Die Episode wird in mehreren Quellen überliefert, so durch den Kleriker Ermoldus Nigellus, der von den 100 Schiffen des Dänenkönigs berichtet. Die Zahl ist übertrieben, aber immerhin verdanken wir Ermoldus eine der wenigen Beschreibungen der Ingelheimer Pfalzanlage – wenngleich auch die mit Vorsicht zu bewerten ist. Sie zeichnet dennoch ein differenzierteres Bild als das noch Klischee vom mordenden und plündernden „Wikinger“. Den gab es zwar auch, doch waren die damaligen Bewohner Skandinaviens in erster Linie Bauern und insbesondere sehr erfolgreiche Kaufleute. Schon ab etwa der Mitte des 8. Jahrhunderts lassen sich Handelsbeziehungen zwischen Westdänemark, England und Friesland nachweisen. Die Wikinger bauten ein riesiges Netzwerk mit Kontakten auf und prägten eine Epoche des wirtschaftlichen und kulturellen Austausches mit weit entfernt lebenden Volksgruppen.

Dass die „Wikinger“ oder Nordmänner“ ihr Image als berüchtigte Piraten trotzdem nicht ohne Grund haben, zeigen die Jahrzehnte nach dem Besuch Harald Klaks in Ingelheim, in denen es immer wieder zu Überfällen im karolingischen Frankenreich kam. Besonders betroffen waren die Rheinlande, wo unter anderem die alten römischen Städte Nimwegen, Aachen, Köln, Bonn und Trier zum Ziel von Angriffen wurden. Auch mehrere Klöster wie die Abtei Prüm wurden zerstört, Bibliotheken mit dem Wissen aus Jahrhunderten gingen in Flammen auf. Ingelheim blieb zwar verschont, doch das Reich der Karolinger wurde bis in das Mark erschüttert.

Mit dem Kolloquium in Aachen wurde eine Zusammenarbeit fortgeführt, die bereits 2018 mit einer Fachtagung in Ingelheim begonnen hatte. Damals hatten die Stadt Ingelheim und das Römisch-Germanische Zentralmuseum, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie (RGZM) in Mainz im Ingelheimer Weiterbildungszentrum eine Kooperation auf dem Gebiet der Mittelalter-Forschung vereinbart.

 

Autor: red

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