Vereinsvorsitzender Ottmar Schwinn (li.) und Jupp Heck von der Arbeitsgruppe Historisches Laubenheim. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

HECHTSHEIM – Bei der zweiten Veranstaltung nach der Pandemie-Pause hat der Verein Hechtsheimer Ortsgeschichte sein Publikum mit einer neuen Idee überrascht. Den Vortrag des Ortshistorikers Jupp Heck aus Laubenheim mit dem Titel „Briefe eines Kriegsgefangenen aus dem Rheinwiesenlager Hechtsheim 1945“ präsentierte der Verein im Weingut Zehnerhof in Hechtsheim. „Wir erproben ein neues Format“, verriet Vereinsvorsitzender Ottmar Schwinn. Die Atmosphäre im Weinhof wie der Verlauf der Veranstaltung dürften die Überlegungen bestätigt haben. Der Vortrag führte bisweilen zu einem regen Austausch unter den etwa 50 Zuhörern.

Die Rheinwiesenlager für ehemalige deutsche Soldaten seien lange Zeit ein Tabuthema gewesen, leitete Schwinn ein. Unvorbereitet auf eine so hohe Zahl von Gefangenen, errichteten die Alliierten provisorische Lager am Rhein, ergänzte Heck. „Neben einem Lager in Hechtsheim oder bei Heidesheim befand sich das größte Gefangenenlager in Bretzenheim bei Bad Kreuznach“, so Schwinn. Er wies auf die jüngste Sonderpublikation der Zeitschrift „Der Spiegel“ hin, die sich der Thematik widmete.

Auch das Lager in Hechtsheim, das sich nahe der heutigen Kurmainzkaserne befand, beherbergte bis zu 25.000 ehemalige Soldaten: „ohne feste Unterkünfte und ohne eine ausreichende Ernährung“, so Heck. Sein Vortrag schilderte seine Recherchen, um das Schicksal eines der Insassen nachzuzeichnen. Zwei „Briefchen“, die 1945 ein damals 13-jähriges Laubenheimer Mädchen durch den Lagerzaun durchgesteckt bekam, veranlassten ihn zur Suche nach dem Verfasser. „Inzwischen habe ich die Briefchen und werde sie demnächst an das Mainzer Stadtarchiv übergeben.“ Den Autor identifizierte Heck nach monatelanger Suche als gelernten Steinmetz und Volkstheater-Autor Rudy Gröger mit Ursprüngen im Sudetenland. Während der erste handgeschriebene Zettel, der im Übrigen eine Zeichnung enthielt, die Bitte um Lebensmittel formulierte, drückte das zweite Schreiben den Dank aus „Der Kartoffelsalat hat sehr gut geschmeckt und der Wein, ach der Wein…“, zitierte der Lokalhistoriker den Verfasser.

Viele Details ließen Grögers Einzelschicksal lebendig erscheinen. Vergleichbare Post habe in unbeobachteten Augenblicken durch den Lagerzaun gereicht ab und zu einen Weg nach draußen gefunden, so der Referent. Zwar wollte Gröger der Adressatin aus Dankbarkeit einen seiner Romane schenken, doch: „Er meldete sich nie bei ihr.“ Bevor Heck ihm auf die Spur gekommen sei, sei die Briefempfängerin verstorben. Die Ausführungen warfen insgesamt ein bewegendes Licht auf einen privaten Strang der Lokalgeschichte.

Vermutlich sehr im Sinne des Veranstalters, der nach der Pandemie-Zeit die Arbeit mit Elan fortsetzt. Ohne Rücktritte unter den 90 Mitgliedern habe der Verein sie überstanden. Der brandneue Internetauftritt geht am 20. Juni online. „Vielleicht ist auch das neue Format eines, das wir in der Zukunft öfter anbieten werden.“

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