Viele Obdachlose ziehen sich nachts auf der Straße in eine halbwegs geschützte Ecke zurück. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

MAINZ – Der Kältetod einer 72-jährigen Frau Anfang Dezember hat für eine kurze Zeit die Schlagzeilen bestimmt. Die Linke machte mit einer Mahnwache darauf aufmerksam, dass Wohnungslose in erster Linie von den Einschränkungen und Verordnungen zur Bekämpfung der Pandemie betroffen seien. „Die Regel, Zuhause zu bleiben, ist ohne Zuhause nicht möglich.“ Es sei mehrfach vorgekommen, dass Menschen ohne Obdach Bußgelder verordnet wurden, weil Sie sich in nicht erlaubten Gruppen aufhielten. „Dass sie alle in der gleichen Einrichtung für den Notschlaf ihre Nächte verbringen und sich teilweise ein Zimmer teilen und sozusagen einen gemeinsamen Hausstand bilden, wurde nicht akzeptiert.“

Wie sehen die Helfer die Situation der Menschen ohne Obdach in diesem Corona-Winter? Nach Auskunft der Kreisverwaltung kümmert sich in deren Auftrag der Verein „Platte – Die Obdachloseninitiative Rheinland-Pfalz“ um die Menschen, die auf der Straße leben. Gegründet vor knapp 30 Jahren, verteilen „Platte“-Mitarbeiter Schlafsäcke, Isoliermatten und Winterunterwäsche an die Betroffenen, erzählt Ralf Blümlein.

Blümlein ist der Mann erster Stunde. Die Versorgung der Menschen ohne Dach über dem Kopf im Kreis beurteilt er als relativ gut. „Wir versuchen, die Betroffenen in Maßnahmen zur Resozialisierung in Mainz oder auch in Bad Kreuznach unterzubringen.“ Alle Angebote basieren auf Freiwilligkeit, betont er und weist darauf hin, dass nicht wenige einfach draußen bleiben wollen.

In der Kälteperiode komme es darauf an, sie derart auszustatten, dass sie nicht der Gefahr laufen, zu erfrieren. „Worüber man natürlich reden könnte, ist die Anzahl der Übernachtungsplätze“, gibt der engagierte Mann zu bedenken und bezeichnet die Wohncontainer in Mainz als Entlastung. „Wir haben sie auch mitbetreut und Hilfsmaterialien und Lebensmittel dorthin geliefert.“ Solche unbürokratische Lösung würde er im Landkreis, am ehesten in Ingelheim, absolut begrüßen

„In der Stadt haben wir keine Angebote mehr.“ Die privat geleitete Obdachlosen-Herberge sei vor Jahren geschlossen worden. „Sie werden in Ingelheim heute kaum einen Obdachlosen finden“, so Blümlein. „Die Leute holen sich dort ihr Geld und ziehen weiter nach Bad Kreuznach, Mainz oder Bingen.“ Wo es eine typische Durchwanderer-Herberge gibt, in der die Leute nur ein paar Tage übernachten können.

Und wie können Bürger einem Menschen auf der Straße helfen? „Ansprechen“, rät Blümlein: „Einfach fragen, ob er oder sie eine Hilfe benötigt und beispielsweise überhaupt in eine Einrichtung gebracht werden will.“ Alles andere dürfte sich aus dem Gespräch ergeben.

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Gregor Starosczyk-Gerlach
Ich schreibe und fotografiere seit 2013 für die Lokale Zeitung. Die Begeisterung für die Lokalmedien entdeckte ich während des Studiums der katholischen Theologie und habe seit 2007 für Lokalzeitungen, öffentliche Einrichtungen und Online-Medien gearbeitet. Mich fasziniert der wunderbare Alltag. Unterwegs bin ich für Themen in Ingelheim, VG Heidesheim, Budenheim, Rheinhessen, in Mombach, Ebersheim, Hechtsheim.