Niersteins Stadtbürgermeister Jochen Schmitt. Foto: Stadt Nierstein

NIERSTEIN – Kein Zweifel: 2020 wird als Corona-Jahr in die Geschichte eingehen, auch in Nierstein. Darüber und über die Aussichten für 2021 sprachen wir mit Stadtbürgermeister Jochen Schmitt.

Herr Stadtbürgermeister, erinnern Sie sich noch, mit welchen Gedanken, Hoffnungen und Erwartungen an 2020 Sie vor gut einem Jahr Silvester gefeiert haben?

JOCHEN SCHMITT: Mit der Hoffnung, dass die Atmosphäre und das das Miteinander im Stadtrat über kurz oder lang auf die sachliche Ebene zum Wohle von Nierstein einkehrt. Und mit den Gedanken um die Entwicklung unserer Stadt, gerade im Hinblick auf den Rhein-Selz-Park, die B 420- / B 9-Umgehung und das Gewerbegebiet „Brückchen-Süd“.

Dann kam Corona. Hätten Sie sich Ende Februar vorstellen können, was die Gesellschaft in den kommenden Monaten erwarten würde?

JOCHEN SCHMITT: Ganz ehrlich: Bis zum ersten Lockdown Mitte März war mir die Tragweite nicht bewusst gewesen. Auch heute tue ich mich schwer mit dem Umgang mit der Pandemie, da diese so neu und unberechenbar ist.

Was tat sich damals in Nierstein?

JOCHEN SCHMITT: Bereits am 13. März hat die Verwaltung das Netzwerk „Nierstein hilft“ ins Leben gerufen. Mehr als 100 Bürgerinnen und Bürgerinnen haben sich ehrenamtlich in diesem Netzwerk betätigt, sei es durch Einkaufsfahrten, Botengänge, Hunde ausführen, Unterstützung bei Behördengängen oder manch gutes Wort und mentale Unterstützung. Herausragend war dabei die Versorgung der Tafelberechtigten in der VG Rhein-Selz und zum Teil in der VG Bodenheim durch das Netzwerk „Nierstein hilft“.

Wie war Ihre persönliche Gefühlslage im Sommer, als Corona fast in den Hintergrund geriet?

JOCHEN SCHMITT: Corona ist in meinen Gedankengängen auch im Sommer nie in den Hintergrund geraten. Bedingt durch den Ausfall der meisten Kultursommerveranstaltungen der Stadt, wie die Niersteiner Sommernacht war Corona auch im Sommer immer präsent. Auch hier haben „Nierstein hilft“ und die Verwaltung durch die Koordinierung der Zeiträume für die Stadtparknutzug durch unsere Gruppen und Vereine einen wesentlichen Anteil für den Zusammenhalt unserer Vereinsstruktur geleistet. Mein Bauchgefühl hat mich jedoch auf die schwere Zeit im Winterhalbjahr vorbereitet.

Halten Sie den aktuellen Lockdown für richtig und angemessen?

JOCHEN SCHMITT: Natürlich belasten mich die Einschränkungen für die Gastronomie, für das komplette touristische und kulturelle Geschehen. Hier muss der Staat gegensteuern, damit die Betroffenen die Krise finanziell überstehen. Geld ist der eine Punkt, seine Talente wegen Corona nicht einsetzen zu können der andere. Diese Gedanken beschäftigen mich sehr. Von daher ist der Lockdown eine Gratwanderung, der aber unumgänglich ist. Es gilt, die massive Verbreitung des Virus aufzuhalten. Es gilt, unser Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen. Ein Vergleich habe ich deutlich vor Augen, nämlich dass die Zahl der Corona-Toten in Deutschland mit denen von mindestens einem Flugzeugabsturz zu vergleichen sind – und zwar Tag für Tag. Von daher befürworte ich grundsätzlich den jetzigen Lockdown.

Was war in den vergangenen Monaten das signifikanteste Erlebnis?

JOCHEN SCHMITT: Die Bilder der Demonstrationen von Corona-Leugnern und der Querdenker-Bewegung. Wissentlich setzen diese ihre eigene Gesundheit und, schlimmer noch, die ihrer Mitmenschen aufs Spiel. Hier erwarte ich von der Politik und von unserem Rechtsstaat entschiedeneres Durchgreifen Es kann nicht sein, dass ein Mob durch die Innenstadt von Leipzig zieht, Polizeibeamte mit Feuerwerkskörpern angreift und verletzt und man dem Pöbel machtlos gegenübersteht. Hier muss konsequent und mit aller Härte vorgegangen werden.

Es gab aber nicht nur Corona. Was war das wichtigste, was in Nierstein abseits der Pandemie umgesetzt wurde?

JOCHEN SCHMITT: Die Vorbereitungen zum Ausbau der B 420-Bahnüberführung und der geplanten B 9-Umgehung sind weiter vorangeschritten. Diese beinhalten auch eine Fußgängerbrücke für die Berufspendler und Bahnreisenden. Die Wörrstädterstraße wurde saniert, ebenso die Zufahrten für unsere Winzer über die Kleine Steige und die Große Steige. Die Flurbereinigung in Nierstein (Plateau – Proj. IV) konnte abgeschlossen werden und die Parzellen stehen in 2021 zur Neuanpflanzung bereit. Vorbereitungen für den neuen Flächennutzungsplan und den neuen Bebauungsplan im Rhein-Selz Park-sind in Bearbeitung. Der Bibelgarten rund um die Martinskirche wurde weitestgehend fertiggestellt und lädt zum Verweilen ein. Auch eine neue Veranstaltungsreihe, nämlich „KulturSINN Rhein-Selz“, wurde im Bibelgarten und in der Martinskirche als Pilotprojekt gestartet.

Was steht 2021 für Nierstein auf der Agenda?

JOCHEN SCHMITT: Da möchte ich als Stichworte die Entwicklung des Rhein-Selz-Parks, den B 420- / B9-Ausbaus, die Entwicklung des Gewerbegebiets Brückchen Süd und die Ausweitung von Kindertagesstätten Plätz in Nierstein als Hauptaufgaben nennen. Und nicht zu vergessen verschiedene Wohnbauvorhaben.

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Ralph Keim
Seit ihrer ersten Ausgabe bin ich in verschiedenen Bereichen engagiert bei der Lokalen Zeitung. Heute verantworte ich die Ausgaben „Mainz-Mitte“ außerdem „Hessen“ und „Rhein“. „Die lokale Berichterstattung ist für mich immer wieder etwas Besonderes, da man hier ganz nah an den Menschen ist“, möchte ich, Jahrgang 1964, meine Arbeit beschreiben. „Außerdem ist Mainz eine tolle Stadt mit einem tollen Umfeld.“