Der langjährige Präsident von Mainz 05, Harald Strutz, hat mit „Unfassbar!“ seine Autobiografie vorgelegt. Foto: Ralph Keim

MAINZ – Harald Strutz – was soll man über ihn sagen?! Von 1988 bis 2017 amtierte er als Präsident des 1. FSV Mainz 05. In diesen drei Jahrzehnten hat er alle Höhen und Tiefen des Vereins miterlebt. Mit „Unfassbar!“ hat Harald Strutz jetzt eine Autobiografie vorgelegt. Unter der ISBN-Nummer 978-3-00-066523-3 ist es für 24,90 Euro im Buchhandel und online beispielsweise über Amazon erhältlich. Wir sprachen mit der 05-Legende.

Herr Strutz, der Titel Ihres Buches ist mit „Unfassbar“ passend gewählt. Es ist tatsächlich unfassbar, was Sie mit Mainz 05 erlebt haben.

HARALD STRUTZ: Ja, es ist unfassbar. Allein der Weg des Vereins von der Oberliga über die Zweite Liga in die Bundesliga – wo wir die Saison 2010/11 mit Platz 5 beendet haben und danach vom Bruchwegstadion in die neue Arena umgezogen sind – bis in die Euroleague ist unfassbar. Es ist für mich allerdings auch unfassbar, wie meine Präsidentschaft endete.

Das Buch ist aber kein Rückblick im Zorn, oder doch?

HARALD STRUTZ: Auf keinen Fall. Ich möchte die Fans damit in Erinnerungen schwelgen lassen. Und ich möchte mit dem Buch zum Beispiel Einblicke geben, welche strategische und politische Arbeit in diesen Jahren dahintersteckte, um aus einem kaum beachteten Verein das zu machen, was er auf seinem Höhepunkt war, nämlich der berühmte Karnevalsverein, der Sympathieträger der Liga, durch seine Fans der beliebteste Bundesligaverein, eines der Aushängeschilder der Landeshauptstadt Mainz. Dazu zählte besonders aber auch, die Wirtschaftlichkeit von Mainz 05 zu stärken und den Verein gesellschaftsfähig zu machen.

Viele denken bei Mainz 05 auch heute noch sofort an den legendären Erfolgstrainer Jürgen Klopp.

HARALD STRUTZ: Jürgen Klopp war ein absoluter Glücksfall für den Verein. Die Ära Klopp ist daher im Buch selbstverständlich Thema. Es werden allerdings auch Fragen beantwortet: Warum hat Thomas Tuchel 2014 von sich aus aufgehört? Wie lief es mit Jørn Andersen, mit dem 2009 der zweite Aufstieg in die Erste Liga gelang, von dem sich der Verein allerdings noch vor vor dem ersten Bundesligaspiel trennte. Aber auch der unvergessliche Wolfgang Frank, der die Nullfünfer in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre trainierte, darf selbstverständlich nicht fehlen – genauso wie meine Sicht auf das Ende meiner Präsidentschaft.

Nicht zu vergessen die damaligen Legenden auf dem Platz.

HARALD STRUTZ: Die auch, aber es ist kein reines Fußballbuch, kein Buch über Spieler. Vielmehr stehen die Visionen und meine Aufgaben als Vereinspräsident in der Politik und in den Fußballverbänden im Mittelpunkt. Vieles wird heute im Rückblick als selbstverständlich angesehen. Es hat allerdings seine Zeit gebraucht.

2002 und 2003 verpassten die Nullfünfer den Aufstieg in die Erste Liga nur denkbar knapp und tragisch. Was denkt man in solchen Momenten?

HARALD STRUTZ: Das war jedes Mal eine Riesenenttäuschung. Und man zweifelt daran, dass man jemals wieder soweit kommt. Doch 2004 hat es ja bekanntermaßen geklappt.

Und der Hype um Mainz 05 ging so richtig los.

HARALD STRUTZ: Ich würde mal sagen: Der Hype ging bereits in der Saison 1996/1997 los, als wir den Aufstieg in die Erste Liga dem VfL Wolfsburg überlassen mussten.

Unschön war jedoch Ihr bereits angesprochenes Ende als Präsident im Juni 2017.

HARALD STRUTZ: Ja, das war nicht schön. Getroffen haben mich die damals von manchen Zeitungen veröffentlichten Behauptungen und Unterstellungen. Das war sehr enttäuschend. Aus der Bevölkerung habe ich jedoch stets Rückhalt erfahren.

Hatten Sie in all den vielen Jahren nie das Bedürfnis, alles hinzuschmeißen?

HARALD STRUTZ: Nein, nie. Auf keinen Fall.

Wie ist Ihr Verhältnis zum Verein heute?

HARALD STRUTZ: Ich bin Ehrenpräsident und besuche – von den Auswirkungen der Coronakrise einmal abgesehen – gerne Heimspiele. Ansonsten halte ich mich allerdings mit Kritik und Anregungen zurück. Das wäre auch anmaßend.

Dennoch kommt man nicht umhin, die aktuelle Lage bei den Nullfünfern kritisch zu hinterfragen.

HARALD STRUTZ: Die Mannschaft hat in den vergangenen Jahren immer gegen den Abstieg gekämpft. Was der Mannschaft meiner Meinung nach fehlt, und zwar auf und neben dem Platz, sind Typen, Gesichter und Gallionsfiguren, wie das beispielsweise während der unfassbar emotionalen Zeit vor 15 Jahren der Fall war. Das heute mitzuerleben, ist bitter.

Am 22. Dezember werden Sie 70 Jahre alt. Wie wollen Sie einmal gesehen werden? Sagen wir im Jahr 2050, zu Ihrem 100. Geburtstag.

HARALD STRUTZ: Ich möchte als echter Mainzer gesehen werden. Und als einer, der uns Mainzer stolz gemacht hat.

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Ralph Keim
Seit ihrer ersten Ausgabe bin ich in verschiedenen Bereichen engagiert bei der Lokalen Zeitung. Heute verantworte ich die Ausgaben „Mainz-Mitte“ außerdem „Hessen“ und „Rhein“. „Die lokale Berichterstattung ist für mich immer wieder etwas Besonderes, da man hier ganz nah an den Menschen ist“, möchte ich, Jahrgang 1964, meine Arbeit beschreiben. „Außerdem ist Mainz eine tolle Stadt mit einem tollen Umfeld.“