Jan Sebastian führt in der Innenstadt das Geschäft Juwelier Willenberg. Foto: Ralph Keim

MAINZ – Jan Sebastian ist als Geschäftsführer von Juwelier Willenberg nicht nur Einzelhändler. Er amtiert zudem als Vorsitzender des Einzelhandelsverbands Mitte – Rheinland-Pfalz/Saarland/Hessen. Wir sprachen mit Jan Sebastian über die Herausforderungen und die Zukunft des Einzelhandels.

Herr Sebastian, wie haben Sie für Ihr Geschäft die zurückliegenden Monate der Corona-Pandemie gemeistert?

JAN SEBASTIAN: Im Lockdown hatte ich mein Geschäft weiterhin geöffnet. Wir sind ja auch Handwerker, Uhrmacher und Goldschmiede. Wir haben aber nichts verkauft, sondern nur Reparaturen bearbeitet. Da ich sechs Auszubildende habe und diese nicht in Kurzarbeit gehen konnten, haben wir weiter im Geschäft gearbeitet. Neben Schulungen haben wir Uhren online angeboten und konnten so zumindest auf diesem Kanal Umsätze generieren. Ansonsten habe ich meinen Einkauf angepasst und somit stehe ich noch ganz gut da, vor allem, weil ich im eigenen Gebäude bin und meine Kolleginnen und Kollegen sofort der Kurzarbeit zugestimmt haben. 

Irgendwann war der Lockdown ja vorbei.

JAN SEBASTIAN: Mit der Öffnung der Einzelhandelslandschaft gingen die Onlineverkäufe direkt zurück, aber der stationäre Handel startete ja wieder. Und seitdem versinken wir fast in Servicearbeiten. Es scheint, als ob unsere Kunden alle Reparaturen, die sie in den letzten Monaten nicht abgeben konnten, nun bringen.

Sie führen Uhren und Schmuck, also keine „Dinge des täglichen Lebens“. Hat sich das Kaufverhalten der Bürger in Ihrem Segment wegen Corona verändert?

JAN SEBASTIAN: Der Verkauf ist im Gegensatz zu den Servicearbeiten noch nicht auf Vorjahresniveau. Anlassbezogen wird weiter gekauft, man beschenkt sich selbst oder seine Liebsten. Es gab ja in den letzten Monaten nicht so viele Gelegenheiten Geld auszugeben. Viele gönnen sich als Ausgleich nun auch etwas Luxus vom Juwelier. Auch verlobt und geheiratet wird wieder. Das heißt, es werden mehr Antragsringe und Trauringe als vorher gefragt. 

Mit welchen Erwartungen blicken Sie auf das Weihnachtsgeschäft?

JAN SEBASTIAN: Die Vorsicht der Kunden ist richtig und verständlich. Man sollte sich nur unter Menschen begeben, wenn es notwendig ist. Somit werden wohl viele Geschenke online eingekauft werden. Das wird dem stationären Handel sicher weiter zusetzen. Somit war und ist eine Herausforderung für den stationären Handel, beides zu kombinieren und von Synergieeffekten zu profitieren. Weihnachten ist nicht mehr das Geschäft des Jahres schlechthin. Es ist wichtig, klar, und der umsatzstärkste Monat ist normalerweise der Dezember. Aber schon seit Jahren registrieren wir, dass die Mehrzahl unserer Kunden eher Geschenke im unteren und mittleren Preisbereich kaufen. 

Was kann man als Einzelhändler tun?

JAN SEBASTIAN: Eine Stategie ist sicher, etwas einzigartiges anzubieten. Wir haben uns auf Uhren aus Deutschland und Schmuck mit Mainz-Bezug spezialisiert. Individuelle Produkte wie Schmuck aus Domsandstein oder unsere Meenzer Charms, also Anhänger, alles mit lokalen Bezug. Diese Schmuckstücke gibt es nur bei mir, das hat uns in den letzten Jahren regen Kundenverkehr beschert. Und das haben wir in diesem Jahr noch weiter ausgebaut. Die Resonanz ist toll. Somit schaue ich eher optimistisch auf mein Weihnachtsgeschäft. Außer es kommt ein erneuter Lockdown. Wir können sowieso nicht wirklich planen. Wir müssen abwarten, wie sich die Pandemie entwickeln wird. 

Ein Advent ohne Weihnachtsmarkt wäre normalerweise eigentlich undenkbar, aber er ist abgesagt. Was würden Sie sich in diesen Zeiten als gesellige Rahmenbedingungen für den Vorweihnachtsbummel in der City wünschen?

JAN SEBASTIAN: Eigentlich wäre für die Besucher der Stadt ein weihnachtliches Flair schön. Die Weihnachtsbeleuchtung jedenfalls ist gesichert. Damit bieten wir zumindest ein einladendes Stadtbild. Und notfalls können die Gastronomen vielleicht einen kleinen Glühweinstand vor ihren Lokalen einrichten, vielleicht auch in Kooperation mit Schaustellern.

Inzwischen haben wir wieder einen, wenn auch milden Lockdown.

JAN SEBASTIAN:  Genau, aber ich wollte die Entscheidungen, die unsere Politiker momentan fällen müssen, nicht treffen. Jeder einzelne trägt Verantwortung für sich und seine Mitmenschen. 

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Ralph Keim
Seit ihrer ersten Ausgabe bin ich in verschiedenen Bereichen engagiert bei der Lokalen Zeitung. Heute verantworte ich die Ausgaben „Mainz-Mitte“ außerdem „Hessen“ und „Rhein“. „Die lokale Berichterstattung ist für mich immer wieder etwas Besonderes, da man hier ganz nah an den Menschen ist“, möchte ich, Jahrgang 1964, meine Arbeit beschreiben. „Außerdem ist Mainz eine tolle Stadt mit einem tollen Umfeld.“