Schauspieler und Regisseur Arno Hermer rezitierte aus der Bibel und den Werken einiger Schriftsteller. Foto: Helene Braun

MAINZ/LERCHENBERG – Flucht, Vertreibung und Migration, diese Themen sind heute präsenter denn je – denken wir. Doch schon in der Bibel bilden sie den roten Faden. Gerade heute, wo die Welt wieder zum großen Teil von dieser Thematik betroffen ist, lohnt es sich, die Bibel einmal neu zu lesen wie es Dr. Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der EKD, getan hat. Sein Buch dazu hat Isa Mann, Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung Mainz, und Gregor Ziorkewicz, Stadtkirchenpfarrer an St. Johannis, inspiriert, 2019 die Reihe „Bibel & Literatur“ ins Leben zu rufen.

Zur Lesung „An den Wassern zu Babylon saßen sie und weinten… – Flucht, Vertreibung und die Sehnsucht nach Heimat in Bibel und Literatur“ traf man sich auf der Wiese der evangelischen Maria-Magdalena-Gemeinde auf dem Lerchenberg. Eigentlich geplant für St. Johannis, wandert die Reihe der Pandemie zu verschiedenen Orten in Mainz. Für die Rezitation konnten Isa Mann und Ziorkewicz den Schauspieler und Regisseur Arno Hermer gewinnen. Arno Hermer rezitierte die Bibelstellen unaufgeregt, aber so empathisch, das tatsächlich ein neues Gefühl für diese Art der Geschichtsschreibung entstand und der Bezug zur Literatur deutlich wurde.

„Die Flucht aus Ägypten und die 40-jährige Wanderschaft durch die Wüste wird zu einer grundlegenden Identität der Israeliten“, führte Ziorkewicz in die Thematik ein. Die Zeit der Vertreibung und Deportation im babylonischen Exil ist im Buch Ruth geschildert und am Beispiel einer Familie aufgearbeitet mit dem Ergebnis einer gelungenen Integration. Dabei gilt das Buch Ruth im Alten Testament als Meisterwerk der biblischen Erzählkunst. Zum Thema haben auch nicht wenige Schriftsteller etwas zu sagen, darunter Paul Celan, Bert Brecht, Akthar Alizade und Matthias Herrmann. Biblische und literarische Texte ergänzten einander und die Autoren der Bibel und der Literatur begegneten sich auf Augenhöhe. Die Parallelen wurden offenbar.

Was die Isareliten der Bibel erduldeten, kehrt in der immensen Flüchtlingswelle von 2015 wieder. Navid Kermani macht die positiven Reaktionen der Zivilgesellschaft in seinem Buch „Ein seltsam weich gewordenes Deutschland“ deutlich. Der Begriff Willkommenskultur wurde geprägt. Paul Celan schreibt: „Du sollst zum Aug` der Fremden sagen: Sei das Wasser.“

Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und ist unter: www.bibelundliteratur-mainz.de abrufbar.

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Helene Braun
Seit 2003 bin ich für die Lokale Zeitung journalistisch tätig. Von 2014 bis Ende 2018 war ich Redaktionsleiterin für die Mainzer Stadtteile und die Verbandsgemeinde Bodenheim. Meine heutigen Schwerpunkte liegen auf allem, was im und vor Ort geschieht und für die Leser interessant ist. Dies sind Berichte, Reportagen und Fotos aus Lokalpolitik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Vereinen, zu besonderen Events und kuriosen Begebenheiten.