Ortsvorsteherin Tatiana Herda Munoz (SPD) verzichtet auf ihr eigenes Büro im neuen Bürgerhaus. Archivfoto: Oliver Gehrig

HECHTSHEIM – Das neue Hechtsheimer Bürgerhaus ist noch gar nicht richtig fertiggestellt, da gibt es schon einen gehörigen Streit um die künftige Nutzung. „I belong to the Streets“, verkündet Ortsvorsteherin Tatiana Herda Munoz (SPD) auf Twitter. „Deshalb verzichte ich auf mein Amtszimmer und nehme stattdessen ein mobiles Pad. Meine Kolleginnen vom Bürgeramt kriegen nun je ein eigenes Büro. Nutzerzentrierung nach innen und nach außen.“

Scharfe Kritik an diesem Vorgehen übt die Hechtsheimer CDU. „Mit Befremden hat die Ortsbeiratsfraktion der CDU Mainz-Hechtsheim die Aussage der Ortsvorsteherin in den sozialen Medien wahrgenommen, dass sie in der neuen Ortsverwaltung aufein eigenes Büro verzichtet und die Ortsvorsteher-Tätigkeiten von zu Hause und , auf der Straße‘ durchzuführen gedenkt. Ihr neuestes Motto ,I belong to the Streets‘ ist sicher ein flotter Spruch, aber von der Ortsvorsteherin eines Stadtteils mit über 15.000 Einwohnern können die Menschen, Vereine und Gewerbetreibenden erwarten, dass sie ihr Anliegen in der Ortsverwaltung in einem vertraulichen Rahmen vorbringen können.“ Ihr Slogan scheine nicht der Realität zu entsprechen, denn die bisher immer zum Ehrentag besuchten Jubilare warteten seit der Amtseinführung von Munoz vergeblich auf eine Vertreterin ihrer Heimatstadt. Denn neben der Ortsvorsteherin glänzten auch die beiden Stellvertreterinnen durch Abwesenheit. Selbst bei der Nutzung der offiziellen Email gebe es Beschwerden der Bürgerinnen und Bürger, dass sie keine Rückmeldung erhalten. „In der Ortsverwaltung ist sie äußerst selten zu erreichen, sodass die Bürgerinnen und Bürger auf einen glücklichen Zufall angewiesen sind, sie ,auf den Straßen‘ anzutreffen. Einzig medienwirksame Ereignisse mit Presseanwesenheit werden konsequent wahrgenommen“, heißt es in der CDU-Pressemeldung weiter. „Die CDU-Fraktion ist der Meinung, dass in einem so großen Stadtteil die örtliche Repräsentantin der Stadt Mainz weiter ein eigenes Büro in der Ortsverwaltung benötigt und dass sie dort auch für die Bürgerinnen und Bürger zu festzulegenden Zeiten erreichbar sein sollte.“ Nicht zuletzt hierfür werde den Ortsvorsteherinnen und Ortsvorstehern in Mainz aus dem Stadtsäckel eine monatliche Aufwandsentschädigung gezahlt, so die CDU Mainz-Hechtsheim.

Ortsvorsteherin Tatiana Herda Munoz antwortete auf die Vorwürfe auf Nachfrage der Lokalen Zeitung wie folgt. „Die zwei Kolleginnen vom Bürgeramt bedienen Bürgerinnen und Bürger auch in höchst privaten Angelegenheiten gleichzeitig in einem Raum. Zusätzlich haben wir eine Pandemiesituation. Um mehr Privatsphäre zu schaffen und das Ansteckungsrisiko für alle zu minimieren, verzichte ich auf mein Amtszimmer, sodass die Nutzung zweier separater Bürgerservice-Büros ermöglicht wird. Ich kann jeden auch im Bürgerhaus empfangen, der es wünscht. Dafür stehen ausreichend Räumlichkeiten zur Verfügung. Erreichbar bin ich über unzählige Kanäle, meine Handynummer ist öffentlich und das Angebot wird rege genutzt. Meiner Erfahrung nach treffen sich die Menschen sehr gerne mit mir direkt im Ort.“ Sie verstehe ihr Mandat nicht ausschließlich als repräsentative Aufgabe auf Feiern und Festen. Der Besuch von Jubilaren sei nicht ihr „Hauptjob“, wie es ihr Vorgänger, CDU-Ortsvorsteher Franz Jung bei der Übergabe bezeichnet habe. Munoz: „Er hatte andere Prioritäten als ich und das ist in Ordnung. Jeder Besuch eines Jubilars bedeutet aber auch, dass ich einer anderen Person oder einem Projekt absagen muss.“ Seit Anfang der Pandemie besuche sie keine Menschen aus der Risikogruppe mehr. Vor der Pandemie standen Besuche für sie als berufstätige Frau samstags an. Munoz: „Ein Angestelltenverhältnis sollte kein Ausschlusskriterium für die Tätigkeit als Ortsvorsteherin sein. Dass ich seit Amtseinführung noch nicht bei einem Jubiläum gewesen sein soll, ist schlicht eine Lüge – diese Behauptung ist in der Tat etwas unfein.“ Für ihr Ehrenamt verzichte sie auf einen Teil ihres regulären Einkommens und arbeite in Teilzeit, um mehr für Hechtsheim da zu sein. Munoz: „Ich möchte meine Möglichkeiten und Kompetenzen nutzen, um einen Mehrwert für Hechtsheim zu schaffen.“ Diesen Mehrwert könne sie durch tatsächliche politische Arbeit für viele und weniger durch Präsenz bei privaten Feiern schaffen. Munoz: „Dieses Verständnis von Politik sollte im Jahr 2020 – selbst für die CDU – nicht allzu befremdlich wirken. Genau für dieses Politikverständnis wurde ich von einer deutlichen Mehrheit gewählt.“

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Oliver Gehrig
Ich bin gebürtiger Mainzer, Jahrgang 1967 und seit mehr als 20 Jahren hauptberuflich journalistisch in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport tätig. Für die Lokale Zeitung berichte ich seit 2014 aus Bretzenheim, Hechtsheim, Lerchenberg, HaMü, AKK und der Oberstadt sowie aus Finthen und Gonsenheim. In meiner Freizeit fahre ich gerne Fahrrad. Weitere Hobbies sind Tennis, Fußball und Aquaristik.