Marco Sottile ist seit sechs Jahren Vorsitzender der Interessengemeinschaft Mainzer Schausteller und Marktbeschicker (IMSM) und Sprecher vom Weihnachtsmarkt. Foto: red

MAINZ – Kirmes, Jahrmarkt, Messe, Kerbe: Wie man das lebhafte Treiben rund um Karussells, Zuckerbuden und Schießstände nennen mag, zurzeit muss man der Corona-Pandemie wegen auch auf dieses Vergnügen verzichten. Noch härter als die potenziellen Besucher trifft es die Schausteller. Viele von ihnen haben beim Mainzer Weihnachtsmarkt ihren letzten Umsatz verbucht. Marco Sottile, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Mainzer Schausteller und Marktbeschicker IMSM sowie Sprecher des Weihnachtsmarkts, betreibt das Kinderkarussell Euro Car und befindet sogar: „Wir sind die am stärksten betroffene Branche überhaupt.“ Und so gar nicht erfreut zeigt er sich über vorgezogene Absagen wie durch den Stadtteil Finthen etwa. Hier hätte man warten können mit einer Entscheidung, denn binnen 48 Stunden stehen die Schausteller parat, wenn´s nötig ist.

Die Lokale: Steht durch die Corona-Pandemie den Schaustellern in Rheinhessen der gesamte Jahresumsatz auf dem Spiel?
Marco Sottile: Nicht nur der Jahresumsatz, auch die vielen Arbeitsplätze und eine Tradition über Generationen. Wir zählen unseren Beruf zur Kultur. Vielen unserer Kollegen und auch ich hatten die letzten Einnahmen beim Weihnachtsmarkt.

Die Lokale: Wenn ja, wie viele von Ihnen sind dadurch in ihrer beruflichen Existenz bedroht?
Marco Sottile: Ohne Feste und Märkte sind Insolvenzen nicht aufzuhalten. Die Existenz bei über 5000 Betrieben ist bedroht.

Die Lokale: Wie gehen Sie damit um?
Marco Sottile: Zurzeit erarbeiten wir Konzepte über die weitere Vorgehensweise, eventuell zur Umsetzung eines Freizeitparks. Ich selbst führe weiter Renovierungsarbeiten fort, zur Ablenkung, dass man nicht in eine Depression fällt.

Die Lokale: Erhalten Schausteller Unterstützung von Bund, Land, Stadt?
Marco Sottile: Wir sind die Branche, die meisten betroffen ist, und wir hoffen auf den geplanten Rettungsschirm. Weiter laufen Verhandlungen mit OB Michael Ebling und Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz. Beide sind sehr kooperativ.

Die Lokale: Wie stehen die Kommunen und Mainzer Stadtteile dazu?
Marco Sottile: Bis zum 31. August wurde das Verbot ausgesprochen, alles darüber hinaus, was jetzt schon abgesagt wird, ist verfrüht. Auch die Absage der Finther Kerb war meiner Meinung nach zu früh. Wir sprechen da nicht von einer Großveranstaltung, sondern von einer Vorortkerb, die man kurzfristig hätte planen können. Diese Absage Anfang Mai hat uns sehr getroffen, unsere Existenzen hängen davon ab, denn wir waren immer mit einigen Mainzer Schaustellerbetrieben auf der Finther Kerb vertreten.

Die Lokale: Bereiten Sie sich dennoch auf Kerbeveranstaltungen vor, falls die Situation sich ändert? Wie schnell könnten Sie reagieren?
Marco Sottile: Die Stärken von uns Schaustellern sind Spontaneität und Flexibilität. Innerhalb 48 Stunden sind wir einsatzbereit.

Die Lokale: Wie sieht Ihr persönlicher Arbeitsalltag aus derzeit?
Marco Sottile: Zum Arbeitsalltag gehören zurzeit auch viele Termine und Telefonkonferenzen, Es muss dringend ein Angebot für Familien mit Kindern geschaffen werden!

Die Lokale: Halten Sie die Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen und Versammlungsverbot noch für sinnvoll?
Marco Sottile: In anderen Bundesländern hat man viel lockerere Regeln aufgestellt, wie z.B. in Hessen, und uns trennt nur der Rhein.

Die Lokale: Was wäre jetzt besonders schlimm?
Marco Sottile: Das wären weitere verfrühte Absagen für Veranstaltungen nach dem 31. August!

Das Interview führte Helene Braun

Teilen
Vorheriger Artikel70-Jährige rastet völlig aus
Nächster ArtikelVandalismus nimmt immer mehr Ausmaße an
Helene Braun
Seit 2003 bin ich für die Lokale Zeitung journalistisch tätig. Von 2014 bis Ende 2018 war ich Redaktionsleiterin für die Mainzer Stadtteile und die Verbandsgemeinde Bodenheim. Meine heutigen Schwerpunkte liegen auf allem, was im und vor Ort geschieht und für die Leser interessant ist. Dies sind Berichte, Reportagen und Fotos aus Lokalpolitik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Vereinen, zu besonderen Events und kuriosen Begebenheiten.