Im Schichtbetrieb bewältigen die Tr acoe - Mitarbeiter die enorm gestiegenen Bestellungen. Foto: privat

NIEDER-OLM – Ein Produkt aus Nieder-Olm ist derzeit mehr gefragt denn je. Die Tracheostomiekanülen aus der Selztalstadt – ein etwa zehn Zentimeter große medizinische Kunststoffteil –retten in Zeiten der Covid-19-Pandemie weltweit das Leben.

„Die Patienten, die im Schnitt länger als zehn bis zwölf Tage beatmet werden müssen, erhalten eine Tracheostomiekanüle“, erläutert Rimm Elfu, der Geschäftsleiter des Vertriebs beim Nieder-Olmer Unternehmen Tracoe. „Wir beobachten, dass die Menschen, die an dem neuartigen Virus erkranken überdurchschnittlich lang, bisweilen über 20 Tage, beatmet werden müssen. Die Beatmung über den Luftröhrenschnitt bedeutet eine deutliche Erleichterung.“ Der invasive Eingriff sei für solche Patienten aus pflegerisch-medizinischen Gründen schonender als ein Tubus, ein Schlauch, der die Sauerstoffzufuhr über den Mund in die Luftröhre sicherstellt.

Einrichtungen aus 90 Ländern bestellen die Nieder-Olmer Kanülen, die in dem familiengeführten Unternehmen seit über 60 Jahren konzipiert und produziert werden. Die meisten Kunden kommen aus Deutschland. „Aber auch aus Italien, Frankreich, Kolumbien,Südkorea, USA und den restlichen Teilen der Welt.“

Im Schichtbetrieb bewältigen die Tracoe-Mitarbeiter die enorm gestiegenen Aufträge. Sie stehen unter Druck. „Der dramatische Anstieg der Bestellungen ist bei jedem spürbar. Jeder weiß, dass Menschen im schlimmsten Fall sterben können, wenn wir nicht liefern“, so Elfu. Es sei ein schmaler Grat, sagt er: Trotz der Mehrarbeit müsse die Qualität stimmen „Dazu erfordert der Umgang mit der Situation Sensibilität.“ Um die Mitarbeiter zu informieren und sie zu beruhigen, verstärkt Tracoe die Kommunikation. „Wir teilen den Kollegen, die nicht so nah am Markt sind oft und gerne die erfreulichen Nachrichten, die uns erreichen, mit.“ Seien es E-Mails, nette Briefe oder positive Posts in den sozialen Netzen.

Eine Ausnahmesituation wie diese habe das Unternehmen bisher so nicht erlebt, so Elfu. In der Krise will sich Tracoe bewähren.“ Da viele Flieger nicht abheben, gilt es, die Probleme mit dem Frachttransport zu lösen. „Wir nutzen Cargo-Dienste, die teurer sind.“ Die Kosten in der akuten Phase auf die Kunden abzuwälzen oder den Meistbietenden zunächst zu bedienen, kommt für die Firma, welche die Eigentümerfamilie Köhler und der Nieder-Olmer Bürger Franz Waldeck gründeten, nicht in Frage. Geliefert wird überall dorthin, wo die Kanülen gebraucht werden. Man arbeite die Aufträge ab und priorisiere nach bestem Wissen und Gewissen, so Elfu. „Dass wir menschliche Schicksale in solch einem Ausmaß mitbestimmen, berührt mich sehr. Wenn sich langjährige Vertriebspartner beispielsweise aus Italien melden und vom Krankenhausalltag berichten.“

Wo die Reise für Tracoe letztendlich hingeht, sei derzeit nicht abzusehen, so Elfu. Rein wirtschaftlich bedeute die Phase ein überproportionales Wachstum. „Das kann uns helfen,weiterhin innovative Produkte zu entwickeln.“ Die lebensrettende Hilfe aus der Selztalstadt dürfte vermutlich dem Standort Nieder-Olm auf lange Sicht zugutekommen.

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Gregor Starosczyk-Gerlach
Ich schreibe und fotografiere seit 2013 für die Lokale Zeitung. Die Begeisterung für die Lokalmedien entdeckte ich während des Studiums der katholischen Theologie und habe seit 2007 für Lokalzeitungen, öffentliche Einrichtungen und Online-Medien gearbeitet. Mich fasziniert der wunderbare Alltag. Unterwegs bin ich für Themen in Ingelheim, VG Heidesheim, Budenheim, Rheinhessen, in Mombach, Ebersheim, Hechtsheim.