Betriebsseelsorgerin Ingrid Reidt. Foto: Bistum Mainz

MAINZ – Die Coronakrise hat längst massive Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Wir sprachen mit Ingrid Reidt, Pastoralreferentin und eine von vier Betriebsseelsorgerinnen und -seelsorger im Bistum Mainz, über wichtige Themen innerhalb und abseits der Krise.

Frau Reidt, mit was würden Sie sich beschäftigen, wenn es die Coronakrise nicht geben würde?

INGRID REIDT: Als Betriebsseelsorgerin verfolge ich sehr kritisch arbeitsweltliche und gesellschaftliche Entwicklungen. Vieles verschärft sich seit Jahren: Prekäre Beschäftigung in Logistik, Einzelhandel und anderen Dienstleistungsbereichen produziert strukturelle Benachteiligung, Armut trotz Arbeit, Armut im Alter. Noch immer entbehrt Sorge- und Bildungsarbeit angemessene Wertschätzung. Seit Jahren monieren wir die Vermarktwirtschaftlichung des Gesundheitssystems, die eine menschwürdige Pflege sichtbar gefährdet und den Ethos und den Dienst einer ganzen Branche mit Füßen tritt.

Wie wirkt sich das auf den Mensch aus?

INGRID REIDT: Alarmierend wächst in allen Branchen der physische und psychische Verschleiß von Mensch und Natur, angestachelt von einem erbarmungslosen globalen Kosten- und Wettbewerbsdruck und einer unersättlichen Gewinn- und Wachstumsorientierung, die keine Grenzen kennt. Die Frage nach (globaler) Gerechtigkeit, nach Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Arbeitswelt, Wirtschaft und Gesellschaft aktiv wachzuhalten, ist und bleibt Gebot der Stunde.

Und jetzt kommt noch die Coronakrise hinzu.

INGRID REIDT: Der Ausbruch der Pandemie stellt eine Bedrohung in nie dagewesenem Ausmaß dar. Sie betrifft alle Lebensbereiche, weltweit. Unterschiedlich sind jedoch die humanitären,gesellschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten, damit umzugehen. Die Bilder aus Flüchtlingslagern, in denen kriegsgeplagte Menschen eng zusammengedrängt schutzlos der Ansteckung ausgeliefert sind und die humanitäre Katastrophe, die ganzen Völkern in Kriegsgebieten und in den Armutsländern droht, lösen in mir eine so tiefe Betroffenheit aus,die ich kaum in Worte fassen kann.

Die Solidaritätsbekundungen ließen aber nicht lange auf sich warten.

INGRID REIDT: Das viel genutzte, vielleicht abgenutzte Wort der Solidarität schreit nach unbedingter und bedingungsloser Realisierung vor Ort und weltweit. Solidarität beginnt mit Verzicht auf Gewohntes und Liebegewonnenem. Sie findet Ausdruck in hohem Verantwortungsbewusstsein und Besonnenheit aller zum Aufbau nachhaltiger, politischer und wirtschaftlicher Maßnahmen. Ich wünsche mir, dass die gegenwärtige Wertschätzung von Pflegearbeit und Dienstleistung kein Strohfeuer ist, sondern nachhaltig zur Verbesserung der Rahmenbedingungen führt.

Können Sie bestätigen, dass die Menschen in Zeiten der Krise wieder mehr zum Glauben(zurück-)finden?

INGRID REIDT: Die Religiosität von Menschen und die Verankerung im Glauben lassen sich nicht einfach erfassen, weder quantitativ noch qualitativ. Auch nicht in außerordentlichen Zeiten wie diesen. Der Ausbruch der Pandemie macht deutlich, wie fragil und zerbrechlich menschliches Leben ist und wie anfällig hochmoderne komplexe Gesellschaften sind. Das macht Angst und regt– oft aus existentieller Betroffenheit – nochmal tiefgründiger zum Nachdenken an. Als Christenglauben wir an einen zutiefst solidarischen, menschenfreundlichen Gott, der nicht jenseits über allem schwebt, sondern an der Seite der Ärmsten und Leidenden steht und besonders dann nah und spürbar wird, wo Angst und Sorge uns übermannt.

Wie sehen Sie diesen Aspekt persönlich?

INGRID REIDT: Mir persönlich – und vielen anderen – gibt das viel Kraft und Mut, sich auch und gerade in dieser Krisenzeit mit den Menschen und ihren vielschichtigen Sorgen tatkräftig zusolidarisieren, in Krankheit, Verlust und der Erfahrung von Tod, aber auch hinsichtlich der massiven Folgen, die die Pandemie für unsere Gesellschaft und auch für die Arbeitswelt haben wird: weltweit aber auch natürlich hier vor Ort.

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