Der Kleine Mainzer Höhenweg lässt sich streckenweise auch auf dem Rad gut bewältigen. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

EBERSHEIM – Die Kontaktsperre trifft aktuell nicht nur Menschen mit Dauerfeierlaune schwer. Wem die Decke auf den Kopf fällt und mobil ist, den treibt es in die Natur. An Wochenenden erstürmen Radfahrer und Spaziergänger in hoher Zahl die Wald- und Landwirtschaftswege. Um der Enge zu entkommen, müssen manche den Fuß lediglich vor die Tür setzen. Die Ebersheimer profitieren besonders gut von der Topografie in und rund um die Gemarkungsgrenze. Wenige Schritte genügen, um beruhigende Panoramablicke zu erhaschen: den vom 230 Meter hohen Winternheimer Berg auf Mainz und die Hügel des Rheingaus, oder jenen von der Erhebung Auf der Muhl (245 Meter) auf die Main-Metropole Frankfurt und die rheinhessische Hügellandschaft.

Die Lage des Stadtteils Ebersheim ist jedenfalls top. Sie verspricht Ausspannung in der Corona-Krise. Am nördlichen Zipfel von Ebersheim der Reiterweg und am südlichen Rand der Harxheimer Weg gehen in den Kleinen Mainzer Höhenweg über. Einen Wanderweg, der zu den abwechslungsreichsten Spazier- und Wanderwegen der Landeshauptstadt gehört. Er ist Zeuge lokaler Wandervereinsgeschichte, die bis in die Alpen reicht. Verantwortlich dafür ist die Mainzer Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV). Als die Stadt in den 1980er-Jahren die Wandervereine um die Unterstützung beim Ausbau des Wanderwegenetzes bat, antwortete der Verein mit einer gut 30 Kilometer langen Wegführung, welche die schönsten Aussichtspunkte rund um Mainz integrierte.

Kleiner Mainzer Höhenweg: im Hintergrund Ebersheim. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

Ganz klar: Der Kleine Mainzer Höhenweg verdankt sich der Erfahrung von Alpinisten. Sein Name knüpft an die gleich lautende Bezeichnung des hochalpinen Steigs in den Pitztaler Alpen (Österreich) an, der über fünf Dreitausender und drei Gletscher führt. Er wird ebenfalls von der Mainzer DAV-Sektion betreut. Von Ebersheims Norden, am Weingut Vollmer vorbei, führt der malerische Weg nach Klein-Winternheim. Ein steiler Anstieg führt an Ober-Olm vorbei zum Ober-Olmer Wald, den man nach etwa acht Kilometern erreicht. Einst dem Militär vorbehalten, ist er heute bei Joggern sehr beliebt. Der Wanderer folgt der Markierung mit dem stilisierten Edelweiß. So gelangt er nach Finthen oder nach insgesamt 14 Kilometern zum Endpunkt am Waldfriedhof im Lennebergwald in Mombach. Während diese Route überwiegend durch Wald und Obstwiesen führt, so bestimmen Felder und Weinberge die Strecke, die vom südlichen Zipfel Ebersheims nach Laubenheim reicht. Über Gau-Bischofsheim, die Weinberge von Bodenheim und Hechtsheim atmet die Lunge Frische und der Blick sättigt sich an der Weite. Große Tafeln, die der DAV mit Hilfe von Sponsoren aufstellte, informieren über den Weg, die Zuwege und ergänzende Routen, wie den Rheinterrassenweg oder den Wilhelm-Holzamer-Literaturweg in Nieder-Olm.

Kurz nach dem Start in Ebersheim passiert der Wanderer ein Feldkreuz aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Erfahrung der Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens durfte die Menschen von damals ähnlich beeinflusst haben wie heute die Corona-Krise den Alltag verändert. Gott möge die Menschen vor Pest, Hunger und Krieg bewahren, lautet die Inschrift. Positiv stimmen auf dem Mainzer Höhenweg nicht nur die Aussichten, sondern auch die Gewissheit, dass das Leben weitergeht.

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