Ludger Schreiber mit Martina Schnitzler vom UEBZ (r.) und Katja Wiese vom Verein „Naturfund“ setzten sich für „Dynamischen Agroforst“. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

KLEIN-WINTERNHEIM – Ludger Schreiber geht Wege, die andere Kollegen noch scheuen. Dabei behält der Biobauer aus Klein-Winternheim immer die Zukunft seiner Profession im Auge. Jetzt hat er sich sogar auf ein Experiment eingelassen. Auf einem etwa 5.000 Quadratmeter großen Feld, das am Kleinen Mainzer Höhenweg liegt, einem Wanderweg um Mainz, versucht er sich am „Dynamischen Agroforst“ (DAF). Unter dem Codewort verbirgt sich das Projekt des Umwelt- und Energie-Beratungszentrums des Landkreises Mainz-Bingen (UEBZ), das einen neuen Weg für den Wein- und Gartenbau erprobt. „Es ist ein Pilotprojekt, das eine Verknüpfung von DAF mit moderner Landwirtschaft eingeht“, sagt Martina Schnitzler vom UEBZ. Nutz- und Beipflanzen werden auf derselben Fläche wachsen. Mehrere Reihen mit Bäumen wie Walnuss, Quitte, Apfel, Weide sowie Wein werden dicht an dicht mit Sträuchern, Beeren, Blumen und Pflanzen, wie etwa Mangoldspinat in die Erde gesetzt. Die breiten Zwischenräume sind den Kulturpflanzen, wie beispielsweise dem Getreide, den Zuckerrüben oder Leguminosen vorbehalten. „Die spannende Phase wird kommen, wenn dann alles ineinandergreifen soll.“ Das Mikroklima wird sich komplett verändern. „Der Boden wird die Feuchtigkeit länger halten und das Wasser in dem Löss-Lehmboden nicht mehr schlicht von oben nach unten durchfließen.“ Kleine Mulchstreifengräben helfen dabei, das Wasser in die Tiefe zu leiten. Bei der klassischen DAF wird Pflanzenkohle im Boden verwendet, wodurch der Kohlenstoff langfristig gespeichert wird, während gleichzeitig der Humusgehalt und damit die Bodenfruchtbarkeit zunehmen. Erprobt wurde die Methode mit Kleinbauern in Honduras, Bolivien oder Madagaskar. Seit 2017 propagiert der Verein „Naturefund“ mit Sitz in Wiesbaden sie hierzulande. „Verschiedenen Studien belegen, dass der Nettoertrag steigt, die Kulturen werden besser vor Trockenheit, Starkregen oder Wind geschützt“, zählt Katja Wiese von „Naturefund“. Schnitzler möchte die Methode für den Landkreis etablieren und sie wissenschaftlich begleiten lassen. Eine erste Schulung für die Landwirte aus dem Einzugsgebiet musste der Landkreis wegen der Corona-Krise vorerst absagen. Sie wird nachgeholt. „Geplant ist auch eine einjährige Ausbildungsreihe für Landwirte zum Thema.“ Vielleicht werde der Landkreis den Verbandsgemeinden zudem Flächen anbieten, um die Anbaumethode in die Kommunen zu transferieren. 25.000 Euro setzt der Kreis für die Etablierung ein.
„Wir Landwirte müssen neue Wege einschlagen, um angesichts des Klimawandels vorwärts zu kommen“, sagt Schreiber. Sein Versuchsfeld wird nun beweidet. „Es kommen Hühner und Rinder drauf und in zwei Jahren säen wir Getreide aus“. Die Fläche soll dann auch frei zugängig sein. „Die Leute können dann die Tomaten, Johannisbeeren und alles was wir noch pflanzen werden, kosten.“

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Gregor Starosczyk-Gerlach
Ich schreibe und fotografiere seit 2013 für die Lokale Zeitung. Die Begeisterung für die Lokalmedien entdeckte ich während des Studiums der katholischen Theologie und habe seit 2007 für Lokalzeitungen, öffentliche Einrichtungen und Online-Medien gearbeitet. Mich fasziniert der wunderbare Alltag. Unterwegs bin ich für Themen in Ingelheim, VG Heidesheim, Budenheim, Rheinhessen, in Mombach, Ebersheim, Hechtsheim.