Pascal Martiné sammelt Stereoskope und die dazugehörigen Fotos. Foto: Helene Braun

GONSENHEIM – Man erkennt eine Parklandschaft, eine Frau flaniert im Vordergrund, Kutschen fahren. Beim Blick durch die sogenannten Stereobetrachter kann man erst nachvollziehen, was Pascal Martiné meint, wenn er sagt: „Man muss es selbst gesehen haben.“ Der Gonsenheimer Musik- und Mathelehrer und Komponist stellte der Lokalen Zeitung seine aktuelle Sammelleidenschaft vor. Auf Märkten, bei Auktionen, im Netz und vor Ort, vor allem in Frankreich findet der 34-Jährige die Apparaturen, die schon seit etwa 1850 eine dreidimensionale Darstellung von Fotos erlauben. „Noch an keiner Sammelleidenschaft habe ich so lange gehangen wie an der Stereoskopie.“

Hierbei werden paarweise Bilder getrennt für jedes Auge gezeigt, die so genannten stereoskopischen Halbbilder. Auf beiden Bildern wird das Motiv scheinbar gleich abgebildet, jedoch sind die Halbbilder zueinander gering seitenverschoben. „Vor allem bin ich fasziniert davon, dass diese Technik mitnichten neu ist, sondern so alt wie die Fotografie selbst. Die ersten Fotos mit räumlicher Wirkung wurden bereits in den 1850er Jahren angefertigt.“ Heute geht es sogar mit dem Smartphone.

Konkret sammelt und restauriert Martiné sogenannte Stereoskope, das sind die Betrachtungsgeräte aus der Zeit vor 1930 und natürlich auch die dazugehörigen Fotos, wobei er sich auf Glasdias fokussiert hat. Heute findet man die Verfahrensweise beim 3D-Kino etwa, wo die dazugehörige Brille den Betrachter ersetzt. Handbetrachter, Kameras und Zubehör für die Entwicklung, aber auch große Tischbetrachter, teilweise mit Unterschränken zur Aufbewahrung von Bildern hat Martiné bereits in seinem Besitz. Außerdem mehrere tausend Glasbilder, je eines für jedes Auge, darunter Ansichten von Mainz um etwa 1910 und Bilder, die aus dem Nachlass des französischen Industriellen Paul Fleury stammen, der zwischen 1898 und 1918 fast alle Länder der Erde bereist hat. Hier finden sich Hanoi, Istanbul, die Pyramiden, aber auch Südamerika und vieles mehr.

Faszinierend ist, wie man mit einer Kurbel am sogenannten Taxiphote, einem halbautomatischen Betrachter, etwa Aufnahmen von Persien vom Ende des 19. Jahrhunderts anschauen kann. Martiné deutet auf ein weiteres Gerät in seinem Kofferraum – der Coronakrise wegen haben wir uns im Wald getroffen mit Sicherheitsabstand, Handschuhen und Schal vorm Gesicht. „Dieses Teil ist gerade noch so aus Paris rausgekommen und mit der Post verschickt worden.“ Bald wird er den Betrachter komplett auseinander bauen, ihn reinigen und ölen. „Die tauchen auf irgendwelchen Speichern in Frankreich auf und werden über Auktionshäuser versteigert“, sagt Martiné.

Ein Faible für alte Sachen hat Pascal Martiné sowieso. Im Studium fing es mit Büchern an, dann wurden es Möbel. Er hat sich mit Grammophonen beschäftigt, bis er auf einem Antikmarkt eine alte Fotokamera entdeckte und durch Zufall ein kleines Stereoskop aus Pappe. Weiteres Stöbern förderte eine riesige Vielfalt zutage. 13 Stereobetrachter hat Martiné inzwischen verschiedener Fabrikate und für verschiedene Formate aus England, Deutschland, Amerika und Frankreich. Und er ist immer noch fasziniert von der Brillanz der Glasdias. „Sie boten Menschen die Möglichkeit, Museen zu besuchen oder gar zu verreisen.“

Hinweis: Mittlerweile fotografiert Pascal Martiné auch selbst stereoskopisch und zeigt die Ergebnisse sowie Teile seiner Sammlung und Restaurationsprozesse auf seiner Instagram-Seite pm.stereophotos.

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Helene Braun
Seit 2003 bin ich für die Lokale Zeitung journalistisch tätig. Von 2014 bis Ende 2018 war ich Redaktionsleiterin für die Mainzer Stadtteile und die Verbandsgemeinde Bodenheim. Meine heutigen Schwerpunkte liegen auf allem, was im und vor Ort geschieht und für die Leser interessant ist. Dies sind Berichte, Reportagen und Fotos aus Lokalpolitik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Vereinen, zu besonderen Events und kuriosen Begebenheiten.