v.r. Irina Wittmer, Rachel Salamander, Kultusminister Konrad Wolf, Integrationsbeauftragter Carlos Wittmer, Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Anna Kischner. Foto: Helene Braun

MAINZ – Transport ist der Begriff, der beim Vortrag von Dr. Rachel Salamander in der Synagoge oft vorkommt, als sie die Dichterin Gerty Spies zitiert, über ihr Leben berichtet und ihr Werk in Zusammenhang damit setzt. Transport war das Wort, das im Nazi-Terror die deutschen Juden in Angst und Schrecken versetzte, bedeutete es doch die Deportation in eine ungewisse Zukunft. Die meisten von ihnen wurden in den Konzentrationslagern ermordet.

Gerty Spies überlebte wie auch die Eltern von Dr. Rachel Salamander, die in einem Displaced Persons Camp für Überlebende des Holocausts in Deggendorf geboren wurde und auf eine entbehrungsreiche Kindheit blickt. Die eigenen Erfahrungen lassen Salamander den mit gehöriger Portion Empathie verfassten Essay umso nachdrücklicher wirken.

„Gerty Spies hat Glück gehabt. Angesichts ihres Schicksals heißt das, Glück im Unglück zu haben.“ Dabei unterscheidet Rachel Salamander zwischen Fortuna und Felicitas. Letzteres durfte Spies auch erfahren in der Bewältigung ihrer schweren Zeit im Konzentrationslager Theresienstadt beim Schreiben der Gedichte und der Prosa, denn dies minderte ihr Leid. Trotz der schwierigen Bedingungen gelang es ihr, ermutigt von der ebenfalls dort internierten Schriftstellerin Elsa Bernstein, ihre literarische Arbeit zu intensivieren. Dass sie auch eine immerwährende Botschaft geworden sind, verdankte sie ihrem Talent, „erweckt durch das Leid“. Allein aus München wurden 12.000 Juden deportiert, zurückkamen nicht mehr als 160.

Das war 1942, schon zuvor spürte Gerty Spies die Repressalien dessen, was bereits zehn Jahre zuvor begonnen hatte, als sich der Nazi-Terror bereit machte, die Juden zu ächten. Das spürte sie auch unter den Nachbarn, die nicht mehr grüßten und sie denunzierten. Sie dichtet: „Wo er gelassen mit hängenden Armen schulterzuckend danebensteht, den Mantel zuknöpft, die Zigarette anzündet und spricht: da kann man nichts machen. Seht, da beginnt des Unschuldigen Schuld.“ Salamander begibt sich gedanklich mit Gerts Spies in das Konzentrationslager und wieder heraus, auch dann noch war der Start ins bürgerliche Leben mit großen Schwierigkeiten behaftet. Wovon leben? Über die Zeit in Theresienstadt schreibt Spies: „Hätte ich nicht schreiben können, hätte ich nicht überlebt.“

Rachel Salamander machte aufmerksam, wie wichtig diese Zeugnisse seien angesichts der Tatsache, dass die letzten Zeitzeugen nicht mehr lange zur Verfügung stehen. Die Mainzer Schriftstellerin Irina Wittmer hat erreicht, dass sich Rachel Salamander zur Reise von München nach Mainz entschlossen hat. Wittmer war früher in der Jury des Rheinland-pfälzischen Gerty-Spies-Preises vertreten, der weder 2018 noch 2019 verliehen wurde. Zu ihrer Motivation: „Ich wollte das Andenken an Gerty Spies lebendig halten.“

Rachel Salamander, geboren 1949, ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und Publizistin. 1982 gründete sie die Literaturhandlung in München.

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Helene Braun
Seit 2003 bin ich für die Lokale Zeitung journalistisch tätig. Von 2014 bis Ende 2018 war ich Redaktionsleiterin für die Mainzer Stadtteile und die Verbandsgemeinde Bodenheim. Meine heutigen Schwerpunkte liegen auf allem, was im und vor Ort geschieht und für die Leser interessant ist. Dies sind Berichte, Reportagen und Fotos aus Lokalpolitik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Vereinen, zu besonderen Events und kuriosen Begebenheiten.