Humorvoll überschreitet Martenstein auch künstlich gesetzte Grenzen, etwa wenn es um die Genderpolitik geht. Foto: Helene Braun

MOMBACH –Er ist einer der meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum, er lebt in Berlin und wurde im Mombacher St. Rochus-Krankenhaus geboren. Harald Martenstein hat sich als Kolumnist in „Der Zeit“ und im Tagesspiegel weiten Kreisen bekannt gemacht und seine Rückkehr in die alte Heimat zur Lesung im Café Malete feierten die Mombacher mit großem Publikumszustrom, um den Geschichten eines der ihren lauschen zu können. Zugleich geriet die Veranstaltung in der Reihe „Lesung zur Dämmerstunde“, organisiert von Annelen Scherer, zu einem Treffen der eingesessenen Mombacher. „Meine Frau ich schauen gerade, wenn wir hier kennen“, sagte ein Mann kurz vor der Vorstellung. Autor vieler Druckwerke, Redakteur und Kolumnist Harald Martenstein hat auch Kritik erfahren müssen, etwa zu einem Artikel zur Genderforschung, die er als ideologisch geprägte „Antiwissenschaft“ bezeichnet hatte. Darauf ging er indirekt auch in der Lesung ein. Der so viel verfasst hat, kam mit einer Art Zettel-Sammlung und zauberte dabei das eine oder andere aus dem Hut, wie es ihm gerade einfiel.

Als Mainzer dürfe man auch über Tabuthemen Witze machen, Themen, die so heilig seien, dass sie nicht angerührt würden. Dazu las er auf seiner „Giftkiste“: von der Frauenquote, die des fähigen männlichen Kandidaten wegen durch eine Geschlechtsumwandlung im Geiste ausgehebelt wurde. „Sex ist das Geschlecht, Gender ist, als welches Geschlecht man sich fühlt.“ Er las von der Sauna in Montenegro, wo er der einzige ohne Badehose war und kam darüber zum Nackt sein, das vor allem die Deutschen kultivierten. Hier sei man in einer ähnlich führenden Position wie auf dem Automobilmarkt. Aber: „Mir sind auch Deutsche bekannt, die sich nicht ausziehen, so wie es auch Polen gibt, die nicht katholisch sind.“ Um die „Lost Generation“ ging es, die bis mittags schläft und dann Computerspiele spielt. Und um den halbwüchsigen Sohn, der für das Projekt „Badehose kaufen“ mehrere Monate braucht. Dass der 66-jährige Martenstein vor fünf Jahren zum zweiten Mal Vater wurde, brachte neues Futter für ein altes Thema: Die Familie und die Kinder. Marlon Brando habe zwölf Kinder mit sieben Frauen gehabt, er ticke ähnlich. „Wenn ich eine Freundin hatte, war ich immer für Kinder, schon nach zwei Wochen.“ Er habe gesagt: „Wir schaffen das.“ Und habe so als junger kinderloser Mann diesen historischen Satz bereits mehrfach gesagt. Heute habe er nur zwei, was der Weitsicht der jeweiligen Partnerin zu danken sei. Und dann kam Martenstein auch auf Mainz, 1945 von den Amerikanern besetzt, und die von ihnen geschaffenen Besatzungszonen. Mit dem Rhein als Grenze wurden 53 Prozent des Mainzer Stadtgebietes „der schnöseligen und nichtsnutzigen Beamtenstadt Wiesbaden zugeschlagen, nur weil die Amerikaner es gern einfach hatten.“ Dies brachte er mit großem Pathos und konnte sich selbst das Lachen kaum verkneifen dabei.

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Helene Braun
Seit 2003 bin ich für die Lokale Zeitung journalistisch tätig. Von 2014 bis Ende 2018 war ich Redaktionsleiterin für die Mainzer Stadtteile und die Verbandsgemeinde Bodenheim. Meine heutigen Schwerpunkte liegen auf allem, was im und vor Ort geschieht und für die Leser interessant ist. Dies sind Berichte, Reportagen und Fotos aus Lokalpolitik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Vereinen, zu besonderen Events und kuriosen Begebenheiten.