Zeitzeugen im Gespräch: Klaus Nauth, Friedel Herberich, Helgi Schwedass, Helmut Schwalbach, Rainer Emrich und Matthias Gill (von links). Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

EBERSHEIM  Mit einem Podiumsgespräch erinnerte der Ortsbeirat an das 50. Jubiläum der Eingemeindung von Ebersheim nach Mainz im Jahr 1969. Das Gespräch im Weingut Becker, das der ehemalige Ebersheimer Pfarrer Helmut Schwalbach leitete, zeichnete in unterhaltsamer Manier die Entwicklung Ebersheims von einem Dorf zum Stadtteil der Landeshauptstadt Mainz nach. Etwa 100 Zuhörer lauschten den Erinnerungen der ehemaligen Ortsvorsteher und des amtierenden Amtsinhabers. Die Fusion sei im Jahr vollzogen worden „als die erste bemannte Mondlandung, das Woodstockfestival und die Wahl Willy Brandts zum Kanzler“ die Welt und Deutschland bewegten, führte Schwalbach aus.

„Der Gemeinderat billigte die Eingemeindung einstimmig“, sagte Klaus Nauth. Der Ortsvorsteher von 1986 bis 1992 schmunzelte: Sein Vorschlag, die Bürger zu befragen, sei im Gremium gar nicht gut angekommen. „In der Bevölkerung hat es rumort.“ Doch in jener Zeit habe „das Wort des Bürgermeister, des Pfarrers und der Lehrers wie ein Gesetz“ gegolten, ergänzte Nauths Nachfolger im Amt, Friedel Herberich. Die Schilderungen zum Wandel der Zeit und den Veränderungen im Ortsbild beinhalteten nicht nur persönliche Einschätzungen, sondern lieferten auch Anekdoten. Warum und wie es möglich gewesen sei, dass der konservative Bürgermeister von Ebersheim, Johann Ambros Becker, mit dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister von Mainz, Jockel Fuchs, die Einigung erzielte, werde letztlich nicht erklärbar bleiben, schmunzelte die Runde. Die Gründe, weshalb sich die Ebersheimer nicht für Nieder-Olm, aber für Mainz entschieden haben, seien mit den Hoffnungen auf eine bessere Zukunft verbunden gewesen: den besseren Schulwegen, dem Ausbau der Kanalisation und dem Versprechen vom Bau einer Turnhalle, so Schwalbach.

Manche Themen bestimmen das öffentliche Leben in der Gegenwart wie einst: der Fuß- und Radweg nach Nieder-Olm, die Straßenbahnlinie oder der Ortsmittelpunkt. „Den haben wir heute auch noch nicht“, sagte der noch amtierende Ortsvorsteher Matthias Gill (Grüne). Dennoch: „Ebersheim hat sich in der Zeit mit Mainz positiv entwickelt“, schätzte Rainer Emrich ein. Der Ortsvorsteher von 1994 bis 2009 nannte unter anderem den Bau des Sportplatzes und die Entstehung der Lokalen Agenda. Helgi Schwedass (2009-2014) zog ebenfalls eine vorteilhafte Bilanz, die er gleichwohl eher auf das Engagement der Ebersheimer als auf die Unterstützung seitens der Stadt zurückführte: Die Weinwanderung fruchtet bis heute werbewirksam, wie das jüngste Event zeigte. Mit Engelszungen habe er auf die Winzer eingeredet, um sie zu überzeugen. „Unterstützt haben mich allein die Winzerinnen“, fügte er hinzu. „Und was hat die Stadt von Ebersheim bekommen?“, fragte Schwalbach und beantwortete sogleich: „115 Hektar Weinflächen.“ Ohne Ebersheim wäre Mainz kein Mitglied im Great Wine Capitals. Der Applaus aus dem Publikum bestätigte seine Ansicht.

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