Zahlreiche Besucher kamen zur Kornsand-Gedenkstätte, um an die Opfer vom 21. März zu erinnern. Foto: Ralph Keim

NIERSTEIN – Zahlreiche Bürger gedachten am 74. Jahrestag dem nahe Geinsheim geschehenen Kornsandverbrechen vom 21. März 1945. Zur Feierstunde kamen auch Vertreter aus Nierstein. Schließlich waren die Opfer Bürger dieser Stadt.Man mag es sich heutzutage kaum vorstellen, doch es geschah genau so: Sechs aus Nierstein stammende Zivilisten sind am 21. März 1945 unterwegs nach Hause. Vom Naziregime als „politisch missliebig“ gebrandmarkt haben die fünf Männer und eine Frau einige Tage in Darmstadt im Gefängnis verbringen müssen, sind dann aber freigelassen worden. Jetzt sind sie auf dem Weg nach Hause, und nur noch der Rhein trennt sie von ihren Lieben daheim. Aber es gibt ja hier am Kornsand bei Geinsheim eine Fähre, die in wenigen Minuten in Nierstein ist.Doch Nazi-Schergen und Angehörige des Volkssturms werden auf die Gruppe aufmerksam. Dem NSDAP-Funktionär Alfred Schniering genügen fadenscheinige Gründe, um gegen die Zivilisten das Todesurteil zu verhängen. Ihre Gräber müssen die Unglückseligen selbst ausheben. Es ist ein Leutnant namens Hans Kaiser, der jeden einzelnen per Genickschuss tötet. Die Leichen von Georg Eberhardt, Cerry Eller, Johann Eller, Nikolaus Lerch, Jakob Schuch und Rudolf Gruber werden in den Erdlöchern verscharrt. Kurz darauf rücken die Amerikaner in der Region ein.Mit der vom Arbeitskreis Kornsand organisierten Gedenkfeier am nahe der Geinsheimer Fähranlegestelle stehenden Mahnmal wird jedes Jahr selbstverständlich an die Opfer erinnert.

 

Mit diesem auf Treburer Seite stehennden Gedenkstein erinnert der Arbeitskreis
Kornsand an die Opfer vom 21. März 1945. Foto: Ralph Keim

Doch Walter Ullrich, Pfarrer im Ruhestand und Mitglied des Arbeitskreises,erinnerte in diesem Jahr daran, dass es mit jedem Opfer auch Täter gebe – ebenso beim Kornsandverbrechen. Ullrich zeigte sich enttäuscht darüber, wie glimpflich die Täter von damals davonkamen.Die Feierstunde wurde umrahmt vom Klarinetten-Quartett der Riedstädter Musikwerkstatt. Der dazu eingeladene Journalist Sven Felix Kellerhoff (Autor des Buches „Ein ganz normales Pogrom – November 1938 in einem deutschen Dorf“-gemeint ist Guntersblum) betonte in seiner Rede, dass Kaiser die Möglichkeit gehabt hätte, den Befehl Schnierings zu verweigern. „Wenn andere zu feige dazu sind, ich bin es nicht“, sind jedoch seine überlieferten Worte. Für sein Verbrechen habe er sich noch Jahre später Rechtfertigungen gefunden. Kellerhoff erinnerte daran, dass beide Haupttäter zu den seinerzeit möglichen Höchststrafen verurteilt wurden: Schniering zu lebenslänglich, der bei Tat erst 18-jährige,also jugendliche Kaiser zu zehn Jahren. Schniering saß gut acht Jahre ab, Kaiser etwa die Hälfte seiner Strafe. „Befriedigend war das nicht.“Und was geschah mit den die Opfern? Auf Anordnung der US-Streitkräfte wurden die Toten wieder ausgegraben und in Särgen durch Nierstein getragen. Die Amerikaner bestanden darauf, dass die Bevölkerung dabei zuschaute und sich des Verbrechens vom Kornsand bewusst wurde.

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Ralph Keim
Seit ihrer ersten Ausgabe bin ich in verschiedenen Bereichen engagiert bei der Lokalen Zeitung. Heute verantworte ich die Ausgaben „Mainz-Mitte“ außerdem „Hessen“ und „Rhein“. „Die lokale Berichterstattung ist für mich immer wieder etwas Besonderes, da man hier ganz nah an den Menschen ist“, möchte ich, Jahrgang 1964, meine Arbeit beschreiben. „Außerdem ist Mainz eine tolle Stadt mit einem tollen Umfeld.“