Jugendliche geben Weihbischof Udo Einblick in ihre Freizeitgestaltung im Zornheimer Clearinghaus. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

Zornheim – Das Bruder-Klaus-Haus in Zornheim kennt viele Geschichten. 1913 als ein Schwesternhaus eingerichtet, in den Kriegszeiten als Lazarett genutzt, bis in die 1980iger Jahre mit der Aufgabe eines Kindergartens betraut, diente es zuletzt als ein Refugium für Freizeiten oder Tagungen. Als zahlreiche Flüchtlinge nach Deutschland strömten, stellte die Kirchengemeinde St. Franziskus von Assis Nieder-Olm das Gebäude den Maltesern zur Verfügung. So steht seine Historie für die Fähigkeit der Religionsgemeinschaft, aus ihrem Selbstverständnis heraus die Bedürfnisse der Zeit zu erkennen und Menschen in Not zu helfen.
Seit 2015 beherbergt das Haus mit einem ansprechenden Gärtchen die Clearingstelle, in der Minderjährige, die auf der Flucht ohne Eltern nach Deutschland gelangt sind, gemeinsam wohnen und betreut werden. So lange, bis ihr Gesundheitszustand samt einer Reihe bürokratischer Formalitäten geklärt und ihr weiterer Aufenthalt geregelt sind. Das kann bis zu einem halben Jahr dauern.

Vor Kurzem besuchte der Mainzer Weihbischof, Dr. Udo Bentz, das Bruder-Klaus-Haus. „Er wollte es anlässlich der Visitation unserer Kirchengemeinde sehen“, sagte der katholische Pfarrer, Dekan Hubert Hilsbos. Angekommen, hörte der Weihbischof zum einen das laute Trommeln vom Dachgeschoss, während ihn im Erdgeschoss vergnügte Stimmen aus der Bastel- und Malrunde begrüßten. Musikunterricht sei genauso wie der Schwimm-, Kampfsport und Fußball sehr wichtig für die Verarbeitung des Erlebten, sagte Behrouz Asadi, der Leiter des Migrationsbüros Rheinland-Pfalz/Hessen.

Knapp 20 unbegleitete Minderjährige finden Platz im Haus. Derzeit sind es zwölf. Aus dem Umgang mit deren Lebensläufen gewinnen die Sozialpädagogen Potenziale, da sie den betreuungstherapeutischen Ansatz an den Bedarf anpassen. Wie vor zweieinhalb Jahren als die ersten Mädchen einzogen. Oder als vor etwa einem Jahr auch deutsche Jugendliche, die das Jugendamt in Obhut nehmen musste, ins Haus kamen.

Aus Problemen Lösungen schöpfen, lautet die Devise. „Aktuell wohnen Deutsche, Iraner, Somalier, Afghanen und Syrer unter einem Dach zusammen. So kann die Integration im Alltag eingeübt werden, genauso wie der Umgang der Geschlechter untereinander“, ergänzte Marouane Jnieh, der Leiter der Jugend- und Familienhilfe der Malteser. Nach drei Jahren gestalte sich auch das Miteinander der Zornheimer und der Jugendlichen unproblematisch, fügte Asadi hinzu und wies darauf hin, dass neue Herausforderungen warten. Aktuell sei die Ausdauer bei der langfristigen Arbeit mit Betroffenen gefragt. „Die Folgen der Fluchterlebnisse gelangen vielfach erst Jahre danach an die Oberfläche.“
Der Weihbischof zeigte sich von der Arbeit vor Ort beeindruckt: „Ich finde es wichtig, dass sie konstant weitergeht, ohne dass darüber viel gesprochen wird“. Gleichzeitig förderte er mehr öffentliche Anerkennung für das Engagement. Das Zornheimer Bruder-Klaus-Haus wird die Geschichten auf jeden Fall bewahren.

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