Vorsitzender Holm Collofong (links) begrüßte den Kasteler Heimatforscher Klaus Lehne als Redner in Kostheim. Foto: Oliver Gehrig

KOSTHEIM/KASTEL – Die Kostheimer und Kasteler Flößer waren harte Gesellen. Bevor sie die lange und beschwerliche 500 Kilometer lange Reise auf dem Main und Rhein nach Dordrecht in den Niederlanden antraten, verfassten sie ihr Testament. Denn der Flößerberuf war lebensgefährlich. Wer einmal ausrutschte und unter die bis zu 240 Meter langen Flöße geriet, der hatte fast keine Chance zu überleben. Solche und viele weitere interessante Einblicke in das Flößerleben gab jetzt der Kasteler Heimatforscher Klaus Lehne, der beim Kostheimer Heimatverein über „Das Handwerk der Flößer in Kastel und Kostheim“ referierte. Zu dem einstündigen Vortrag begrüßte Vorsitzender Holm Collofong rund 40 Gäste im voll besetzten Vortragsraum des Heimatmuseums.

„Seit dem 14. Jahrhundert wurde der Beruf in der Region betrieben, es war eine gewaltige Holzmasse aus dem Frankenwald, dem Schwarzwald, dem Spessart und dem Odenwald, die transportiert wurde“, berichtete Lehne. Er veranschaulichte seinen Vortrag mit historischen Aufnahmen aus dem Fundus des Wiesbadener Stadtarchivs, der Gesellschaft für Heimatgeschichte Kastel (GHK) und dem eigenen Archiv. Da die Niederlande selbst über keine großen Wälder verfügen, waren die Bewohner auf das importierte Holz angewiesen, teilweise wurde es von dort auch in andere Länder wie Spanien oder England weitertransportiert. Die Flöße waren ein Gemisch aus Eichenholz und Tannenholz, das als Transportmittel auf dem Wasser benötigt wurde. Wichtigste Geräte waren die vier Meter lange Flößerstange mit der Eisenspitze, mit der der Flößer das Floß dirigierte, sowie die Floßaxt und der Geißfuß zum späteren Entfernen der Klammern. „Es war ein mühsames Geschäft, oft standen sie knietief im Wasser“, erläuterte Lehne. Bis zu 400 Mann waren auf der 8- bis 14-tägigen Reise dabei. Alle Lebensmittel waren an Bord, darunter auch Bierfässer für die Mannschaft. Diese ruppigen Gesellen hatten keinen guten Ruf. Lehne: „Alle Diskussionen sind mit den Fäusten ausgetragen worden.“ Seine Blütezeit hatte der Flößerberuf im 17. und 18. Jahrhundert. Hinter dem Binger Loch kamen sogar Flöße mit bis zu 350 Metern Länge zum Einsatz. Später nutzten dann auch Vereine wie Kegelclubs und private Gruppen kleinere Flöße zu einer Floßfahrt als urige Gaudi. Aufgrund der Vielzahl anderer Transportmittel starb der Flößerberuf im 20. Jahrhundert aus. Das letzte Frachtfloß verließ 1964 Kostheim. An den Berufsstand erinnert die auf Initiative des inzwischen verstorbenen Kasteler Heimatforschers Fritz Diehl aufgestellte Flößerfigur an der Bastion Schönborn am Kasteler Rheinufer.

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Oliver Gehrig
Ich bin gebürtiger Mainzer, Jahrgang 1967 und seit mehr als 20 Jahren hauptberuflich journalistisch in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport tätig. Für die Lokale Zeitung berichte ich seit 2014 aus Bretzenheim, Hechtsheim, Lerchenberg, HaMü, AKK und der Oberstadt sowie aus Finthen und Gonsenheim. In meiner Freizeit fahre ich gerne Fahrrad. Weitere Hobbies sind Tennis, Fußball und Aquaristik.