„Sing with me“, fordert Aeham Ahmad auf und die Gäste stimmen in die Ode an die Freude ein. Foto: Helene Braun

Weisenau – Der Flügel im „Zentrum für interkulturelle Bildung und Begegnung – Haus der Kulturen“ muss schon etwas aushalten können. Stargast des Abends ist Aeham Ahmad, der „Pianist aus den Trümmern“. Beim ersten Stück, auf das die zahlreich erschienenen Gäste bis nach der Pause warten müssen, greift Ahmad ganz wörtlich in die Saiten des offenen Flügels. Das Stück, das er vor ein paar Jahren, bevor er aus Syrien flüchtete, in den Trümmern von Damaskus spielte, kommt an diesem Abend wieder einmal völlig anders daher als sonst. Nach einem extensiven Intro wird er überschnell, fast abgehackt klingen die Zeilen. Beethoven, Mozart und andere Klassiker legt er hinein wie Intarsien ins Gesamtgefüge, schreit, wie um sich von etwas zu befreien, wird wütend, traktiert das Klavier. Und als der letzte Ton von Ahmads Lied verklungen ist, wird jedem klar, der es kennt: Das war die intensivste Version des Stückes, die man je gehört hat. Eine solche Flexibilität kannte man bislang nur von Bob Dylan.
1988 wurde der palästinensisch-syrische Pianist Aeham Ahmad im palästinensischen Flüchtlingslager in Damaskus geboren und floh 2015 über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland. Internationale Bekanntheit erlangte er 2014/2015 durch seine öffentlichen Auftritte im Flüchtlingslager Yarmouk – als „Pianist in den Trümmern“ während des Bürgerkriegs in Syrien. Inzwischen lebt Ahmad mit seiner Frau und seinen Kindern in Wiesbaden.

Es ist Musik von hoher Qualität und Aussagekraft, die er komponiert. Mal jazzig, mal orientalisch kommen die Töne und diesmal ist das Klavier nicht verstimmt wie das, das er mit sieben Männern in den Trümmern hinter sich herzog und das ihm vom IS vor den Augen angezündet und verbrannt wurde. Hoffnung schenken wollte er den Menschen im zerbombten Damaskus, als er inmitten der Bombenkrater spielte und sang. Nun erzählt er seine Geschichte im Buch „Und die Vögel werden singen“, die Geschichte einer Zeit im noch friedlichen Syrien, wo er als Palästinenser im Flüchtlingslager Yarmouk lebt, den Anfängen der Rebellion, dem Beginn des Krieges, seiner lebensgefährlichen Flucht, dem Versuch, in Deutschland zu Hause zu sein, seiner Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Und Behrouz Asadi liest vor.

Menschen brauchen einen Platz, um ihre Kultur auszuleben. Von dieser Tatsache ausgehend hat Behrouz Asadi, Flüchtlingskoordinator bei den Maltesern in Mainz, die Wandlung des ehemaligen Portland-Casinos zur kulturellen Bildungsstätte vorangetrieben. Beim Abend mit Aeham Ahmad rücken noch weitere Künstler aus dem Malteser-Projekt „Musik und Kunst auf der Flucht“ in den Fokus. Die Iranische Sängerin Azadeh Bahrami begleitet mit Dennis Merz musikalisch. Der Maler Ghassam Shaab präsentiert seine Werke. Asadi zum Benefizkonzert: „Wir wollen ein Zeichen setzen und mit dem Erlös von Eintritt und Verkauf der Bilder die Kinder in den Flüchtlingslagern unterstützen. Der Erlös wird direkt über Aeham Ahmad in die richtigen Hände für die Kinder weitergeleitet.“

Vorheriger ArtikelDiese Farben kann man trinken
Nächster ArtikelJüdisches Leben in Finthen
Helene Braun
Seit 2003 bin ich für die Lokale Zeitung journalistisch tätig und seit 2014 Redaktionsleiterin für die Mainzer Stadtteile und die Verbandsgemeinde Bodenheim. Schwerpunkte liegen auf allem, was im und vor Ort geschieht und für die Leser interessant ist. Dies sind Berichte, Reportagen und Fotos aus Lokalpolitik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Vereinen, zu besonderen Events und kuriosen Begebenheiten.