Aeham Ahmad: Sein Lied im Video aus dem zerbombten Damaskus ging um die Welt. Foto: Helene Braun

Bodenheim – Er spielt hervorragende Eigenkompositionen, er lacht, er weint, und er bringt das Bodenheimer Publikum im Dolleskeller dazu, nicht nur mitzusingen, sondern einen regelrechten Chorgesang mit der „Ode an die Freude“ erklingen zu lassen. Er springt auf die Bühne zum Klavier und er sitzt, während die ZDF-Redakteurin und Moderatorin Barbara Hahlweg aus seinem Buch vorliest, in sich zusammengekauert, den Kopf in die Hände gestützt. Die großen Augen blicken tieftraurig. Es ist Aeham Ahmad, der zu Gast ist bei der Flüchtlingsinitiative „Kulturbuntes Bodenheim“. 1988 wurde er im palästinensischen Flüchtlingslager in Damaskus geboren und floh 2015 über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland. „Gerade war er in Japan, Paris, Graz und heute ist er bei uns“, kündigt Elisabeth Henn an.

Im Wechsel liest Barbara Hahlweg ein Kapitel und Ahmad spielt ein Stück auf dem Klavier, zuweilen sind die Stücke instrumental, dann singt er dazu mit einer Ausdruckskraft, die einen umhaut. Genauso greift er in die Tasten, traktiert das Instrument mit seinen Gefühlen, klagt, lacht, schreit. Es ist Musik von hoher Qualität und Aussagekraft, die er komponiert. Mal jazzig, mal orientalisch kommen die Töne und diesmal ist das Klavier nicht verstimmt wie das, das er mit sieben Männern in den Trümmern hinter sich herzog und das ihm vom IS vor den Augen angezündet und verbrannt wurde. „Musik ist verboten“, hieß es.

Hoffnung schenken wollte er den Menschen im zerbombten Damaskus, als er inmitten der Bombenkrater spielte und sang. Nun erzählt er seine Geschichte im Buch „Und die Vögel werden singen“, die Geschichte einer Zeit im noch friedlichen Syrien, wo er als Palästinenser im Flüchtlingslager Yarmouk lebt, den Anfängen der Rebellion, dem Beginn des Krieges, seiner lebensgefährlichen Flucht, dem Versuch, in Deutschland zu Hause zu sein, seiner Sehnsucht nach der verlorenen Heimat.

Der schnelle Wechsel an Stimmungen, die Aeham Ahmad versprüht, ist leicht zu erklären und doch schwer nachzuvollziehen. Gerade mal 30 Jahre alt, blickt er auf unfassbares Leid, das ihm und seinem Volk angetan wurde und noch wird. Warum er trotz allem immer noch so viel Fröhlichkeit und ja, Lebenslust, ausstrahlen kann, bleibt sein Geheimnis. Eine Wesensart, die Hoffnung macht in einer Welt, wo das Böse mehr und mehr an Herrschaft gewinnt.

Hahlweg liest einfühlsam von großem Hunger, den die Menschen erleiden mussten, von der Unterdrückung und dem Krieg, den Hoffnungsschimmern und schließlich der Flucht, bei der Aeham Ahmad seine Frau und seine Kinder zurücklassen musste, den Bombenangriffen und dem hoffnungsspendenden Video, das ihn auch zur Zielscheibe machte. Inzwischen durfte die Familie nachkommen, mit der Aeham Ahmad in Wiesbaden lebt. 2015 wurde ihm der erste Internationale Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden und Freiheit verliehen.

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Helene Braun
Seit 2003 bin ich für die Lokale Zeitung journalistisch tätig. Von 2014 bis Ende 2018 war ich Redaktionsleiterin für die Mainzer Stadtteile und die Verbandsgemeinde Bodenheim. Meine heutigen Schwerpunkte liegen auf allem, was im und vor Ort geschieht und für die Leser interessant ist. Dies sind Berichte, Reportagen und Fotos aus Lokalpolitik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Vereinen, zu besonderen Events und kuriosen Begebenheiten.