Berit Jäger macht durch schockierende Fotos auf den Wert des Lebens aufmerksam. Foto: Helene Braun

Bodenheim – Darf Kunst auch provozieren? Selbstverständlich darf sie und in heutigen Zeiten sollte sie es auch. Berit Jäger hat das verstanden. Was von weitem so aussieht wie ein ungewöhnliches Mutter-Kind-Bild zeigt die Künstlerin nackt mit einem Schweinebaby an der Brust. Bei näherem Hinsehen bemerkt man, die Ohren des Tieres sind verstümmelt, es trägt einen Stempel und die Haut ist teilweise nicht mehr vorhanden. „Ich esse auch Fleisch“, sagt Berit Jäger, „aber man kann doch durchaus darauf aufmerksam machen, dass man bewusst damit umgehen soll.“ Die Ausstellung, die im VG-Rathaus Bodenheim bis zum 18. Mai zu sehen ist, trägt den Titel „Mein reines Schwein Sein.“

Eingeladen hat Berit Jäger auch die Freunde Dorothea Gillert-Marien , Ute-Marie Paul , Violetta Maria Richard , Kathrin Schneider Berina Bergen, Eva Borner, Anja Garg, Juri Gudmanjan, Judith Leinen, Leonie Licht, Tarlan Lotfizadeh, Usch Quednau, Grit Reiss, Anna-Lena Tsutsui und alle haben ihren Teil zur Ausstellung beigetragen mit Fotografie, Video, Malerei und Keramik.

„Das Schwein ist uns wirklich nah, wir sind uns an Haut, Organen und im Sozialleben ähnlich“, so Jäger. Schweine brauchten Aufgaben, um nicht aggressiv zu werden, sie lernten schneller als Hunde, seien aber nicht so gehorsam. Das Schwein ist Metapher für Glück oder aber auch Schmutz. Zitate werden zur Inspiration genutzt wie aus Heinrich Manns „Der Untertan.“ Hier isst eine nackte Frau die Würste, die, man erkennt es bei näherer Betrachtung – das Fleisch aus ihrem eigenen Bein beziehen. Die Plastik ist von Berina Bergen, der Schwester von Berit Jäger. Weitere Künstler haben Videos beigetragen, bei denen einem der Appetit gründlich für längere Zeit vergehen mag wie auch beim Anblick einer OP-Schale, in der sich plastisch Brüste und Innereien miteinander tummeln.
„Für mich ist wichtig“, so Berit Jäger weiter, „dass die Fotografie durch den privaten Raum erweitert wird.“ Das bedeutet, die ekelerregenden Szenen setzt sie in die häusliche Umgebung, die Wahrnehmung des Absurden wird dadurch noch deutlicher. Oder wie Jäger es formuliert: „Es macht dann mehr mit einem.“

Und das ist letztendlich das Ziel: Bewusstsein wecken für den Wert des Lebens, auch des tierischen. Ihm mit Respekt zu begegnen, das und ein Zeichen zu setzen gegen die Verharmlosung, sind die Anliegen der Bodenheimer Künstlerin. Was Glyphosat betrifft: In Argentinien sind bei Kindern ähnliche Verstümmelungen aufgetreten wie bei den Schweinen.

Beigeordneter Rudolf Dorbert in Vertretung für Verbandsbürgermeister Robert Scheurer sagte: „Kunst muss nicht immer gefällig sein. Wir müssen uns nicht mit deren Inhalt identifizieren, wir sollten aber den durchaus provokanten Appell zulassen und nicht versuchen, die Kunst zu zensieren.“ Violetta Richard bemerkte zur Einführung: „Berit Jägers Arbeit zeigt uns auf eine sehr berührende Art eine scheinbar parallel existierende Welt, Strukturen werden vor unseren Augen in ihre Einzelteile aufgelöst und neu zusammengesetzt.“

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Helene Braun
Seit 2003 bin ich für die Lokale Zeitung journalistisch tätig. Von 2014 bis Ende 2018 war ich Redaktionsleiterin für die Mainzer Stadtteile und die Verbandsgemeinde Bodenheim. Meine heutigen Schwerpunkte liegen auf allem, was im und vor Ort geschieht und für die Leser interessant ist. Dies sind Berichte, Reportagen und Fotos aus Lokalpolitik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Vereinen, zu besonderen Events und kuriosen Begebenheiten.