Gleich wird das Schneewittchen (Anna Hinrichs) es probieren. Die Stiefmutter (Pia Fütterer) findet es gut. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

Bodenheim – „Dummer Spiegel“. Zurufe wie dieser kommen im Theater für gewöhnlich nicht vor. Bei der Vorstellung „Schneewittchen“ im Bürgerhaus Dolles in Bodenheim ist der Fall eingetreten. Die Handlung, die das Galli Theater mit der Vorstellung des „Märchentheaters für ganze Familie“ auf die Bühne brachte, zog speziell die jüngsten Besucher absolut in ihren Bann. Der so spontane Aufruf gegen den Spiegel, der bekanntlich der bösen Ziehmutter im Märchen die Wahrheit sagt, kam hörbar aus der tiefen Seele. Er blieb nicht der einzige. Je länge die Vorführung anhielt, umso eifriger taten die Sprösslinge zwischendrin ihre Meinung kund. So kam aus dem Saal der Ratschlag an das arme Schneewittchen, das sein Leben im Wald behielt, aber das Zuhause verloren hatte: „Frag doch mal bei den sieben Zwergen nach, vielleicht nehmen sie dich auf.“

Für Pia Fütterer (Stiefmutter), Anna Hinrichs (Schneewittchen) und Kim Reuter, der gleich in mehreren Rollen (Zwerg, König, Prinz) zu sehen war, kam das nicht unerwartet. Es war gewollt. In der häuslichen Szene beim „Sieben-Zwerg“ – Kim Reuter hat alle sieben zusammen in Personalunion gespielt – lud Schneewittchen die Kinder auf die Bühne ein. „Wer will mit mir das Haus der sieben Zwerge sauber machen?“ Natürlich wollten es fast alle tun.

Was durch den Kontakt zwischen Schauspieler und Publikum an das Kasperle-Theater erinnert hat – hier mit erwachsenen Figuren – gehört zum Selbstverständnis und zum Konzept des Galli Theaters. Die Grundidee geht auf den 1952 geborenen Johannes Galli zurück. Der Clown, Schauspieler, Regisseur, Musiker, Trainer, Coach und Autor hat eine Methode entwickelt, die mittlerweile nach ihm benannt ist und die das spontane Spiel zur Grundlage der Persönlichkeitsentwicklung oder auch der Konfliktbewältigung macht. Galli Theater sind mit ihren Dependancen in etlichen deutschen Städten vertreten.

Das Märchen vom Schneewittchen erschien im Bürgerhaus Dolles durch die rege kindliche Teilnahme plötzlich in grellen Farben. Als hätten sich der Neid, der Hass, die Unschuld und Liebe, am Ende auch der Tod und das Glück auf der Bühne persönlich gemeldet.

„Sie ist tot“, riefen die Kinder dem Prinzen zu. „Küss sie“, befahl ein Mädchen, woraufhin auch andere Kinder sie bei dieser Forderung unterstützen.

Eine vergleichbare und derart beeindruckende Theatererfahrung wird es in Bodenheim in der Zukunft aber nicht mehr geben. Alle Versuche, die das Theater seit dem Sommer unternommen hat, in Bodenheim heimisch zu werden und eine Spielstätte zu finden, seien gescheitert, heißt es von der Theaterleitung. „Wir ziehen uns Ende Dezember aus Bodenheim zurück“, sagt Anna Hinrichs der Lokalen Zeitung. Das Ziel sei es nun, in Mainz ein Galli Theater aufzubauen. „Ab Januar treten wir mit unseren Märchen im Haus Haifa in Mombach und im Gonso in Gonsenheim auf.“ Außerdem werde es einmal im Monat im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz und in der Kinderbuchhandlung Nimmerland in Gonsenheim das interaktive Mitspieltheater geben. Schade für Bodenheim. Eine weitere Spielstätte hätte der Gemeinde sicherlich gut zu Gesicht gestanden.

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Ich schreibe und fotografiere seit 2013 für die Lokale Zeitung. Die Begeisterung für die Lokalmedien entdeckte ich während des Studiums der katholischen Theologie und habe seit 2007 für Lokalzeitungen, öffentliche Einrichtungen und Online-Medien gearbeitet. Mich fasziniert der wunderbare Alltag. Unterwegs bin ich für Themen in Ingelheim, VG Heidesheim, Budenheim, Rheinhessen, in Mombach, Ebersheim, Hechtsheim.