Brigitte Zander hatte diesmal Prof. Dr. Hellmut Oelert (li.) und Dr. Henning P. Jürgens gebeten. Foto: Helene Braun

Hechtsheim – Stell dir vor Hechtsheim liest und alle gehen hin. Na ja, vielleicht nicht alle, aber gut besucht sind die Lesestunden, die die Hechtsheimer Künstlerin und Mitglied des Kirchenvorstands, Brigitte Zander, zwei Mal jährlich initiiert, allemal. im Evangelischen Gemeindezentrum in der Lion-Feuchtwanger-Straße fanden sich diesmal der Herzchirurg Prof. Dr. Hellmut Oelert und der Historiker und evangelische Theologe, Dr. Henning P. Jürgens, ein, um aus selbst gewählten Texten zu lesen. Damit gaben die beiden Hechtsheimer nicht nur Einblick in ihre Lesegewohnheiten, sondern auch in ihre Gedankenwelt. 

Prof. Dr. Hellmut Oelert sollte mit seinem Part beginnen, denn er hatte die schwerere Kost gewählt. Vor seine Lesung aus „Der Gott in einer Nuss – Fliegende Blätter von Kult und gebet“ von Christian Lehnert setzte Oelert ein Goethezitat: „Was ist das Schwerste von allem? Was dir das Leichteste dünket: Mit den Augen zu sehn, was vor den Augen dir lieget.“ Lehnert erkundet, was es mit der religiösen Existenz auf sich hat. Auch Oelert wollte mit seiner Lesung dem Publikum die Augen öffnen und riet, „mit den Fragen nach Gott kritisch umzugehen, damit man überhaupt noch mal zu ihm zurückfindet.“  

Und er kommt mit Lehnert zum Schluss: „Es ist ein Gott, der sich zeigt, indem er sich entzieht.“ Und was ist Glaube? „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es. Fragt mich jemand, weiß ich es nicht.“ Lehnerts Beobachtungen und Meditationen führen in eine energetische Erfahrung der „Leere“, die sich auf mystisches Gotteserlebnis zurückbesinnt und landläufige Verständnisroutinen durchbricht. Kritisch und polemisch fordert Lehnert dabei den Konservativismus und seine erstarrte Religionspraxis ebenso heraus wie die charismatischen, liberalen oder esoterischen Bewegungen.  

Dr. Henning P. Jürgens, der die „Lieblosen Legenden“ von Wolfgang Hildesheimer gewählt hatte, sagte: „Die Verzweiflung und Abgründigkeit seines Schaffens hat mich tief beeindruckt.“ Hildesheimer habe 1982 das Schreiben eingestellt. Der Zerstörung der Natur könne er nichts mehr entgegnen. So leitete der Wissenschaftliche Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) in Mainz seine Lesung ein.  

Umso erstaunlicher, als der Gast satirisch trockene Passagen hören konnte, die zum Schmunzeln und gar Lachen reizten. Als erzählerische Mittel nutzt Hildesheimer Ironie und schildert skurrile Szenerien und Ereignisse, die häufig ins Surreale abdriften. Auf inhaltlicher Ebene setzt sich Wolfgang Hildesheimer in den Lieblosen Legenden überwiegend mit kulturellen Themen auseinander. In satirischer Form betrachtet er in einem Großteil der Geschichten die Rezeption von Kultur, den Kulturbetrieb als solchen und einzelne Ausformungen dessen, was gemeinhin als Geistes- und Kulturgut angesehen wird. 

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Seit 2003 bin ich für die Lokale Zeitung journalistisch tätig. Von 2014 bis Ende 2018 war ich Redaktionsleiterin für die Mainzer Stadtteile und die Verbandsgemeinde Bodenheim. Meine heutigen Schwerpunkte liegen auf allem, was im und vor Ort geschieht und für die Leser interessant ist. Dies sind Berichte, Reportagen und Fotos aus Lokalpolitik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Vereinen, zu besonderen Events und kuriosen Begebenheiten.