Irina Paschkewitsch las aus ihrem Werk „Hauch der Zeit“. Foto: Oliver Gehrig

BRETZENHEIM – Auf das schwierige Schicksal der Russlanddeutschen und ihre bewegte Geschichte ging jetzt eine interessante Lesung beim Verein „Zusammenarbeit mit Osteuropa“ (ZMO) im Bretzenheimer Einkaufszentrum Karl-Zörgiebel-Straße ein. Dort las Irina Paschkewitsch aus ihrem ersten Buch „Hauch der Zeit“. Das Buch behandelt 13 Geschichten von betroffenen Familien zu der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Verbannung und Vertreibung, Zwangsarbeit in Arbeitslagern, ganz allgemein die Verweigerung von Entwicklungschancen jeder Art sind Schlüsselwörter in diesen Familiengeschichten. „Alles sind hundertprozentig wahre Geschichten“, versicherte Irina Paschkewitsch, die mit zahlreichen Familien gesprochen hat. 

„Wir wollen Zeugnis ablegen über das historische Erbe dieser Bevölkerungsgruppe“, sagte ZMO-Vorsitzende Jutta Hager zu Beginn. „Die folgenden Generationen sollen wissen, wer ihre Väter und Großväter sind.“ Sie ging auf das Gefühlschaos der Russlanddeutschen zu dieser Zeit ein, die sich nirgendwo so richtig zu Hause fühlten. Jutta Hager unterstützte die Autorin bei der Lesung und gab einige interessante Anmerkungen. Die Anregung zu dieser Lesung hatte ZMO-Mitglied Jakob Fischer gegeben. 

Ein Kapitel von „Hauch der Zeit“ behandelt das Schicksal der Familie Rollgeiser, die 1941 nach Sibirien verbannt wurde. Der Vater kam in eine Arbeitsarmee, und schließlich wurde auch die Mutter eingezogen. Die beiden Töchter wuchsen voneinander getrennt in verschiedenen Kinderheimen auf. „Wir wurden dort als Faschisten beschimpft“, berichtet eine der Töchter. „Ich habe mich verteidigt, aber es war mir nicht klar, dass ich eigentlich Deutsche bin.“ Erst nach zehn Jahren sah sie ihre Mutter und ihre Schwester wieder. Der Vater galt als verschollen. Erst nach hartnäckiger Recherche stellte sich Anfang der 70er-Jahre heraus, dass er als Baumfäller in Sibirien gearbeitet hatte und dort „an einer unbekannten Krankheit“ verstorben war – womöglich der Kältetod oder Hungertod.  

ZMO-Vorsitzende Jutta Hager bedauerte, dass nur zehn Interessierte zur Lesung erschienen waren. Das sei schade, da viele Deutsche nur unzureichend über das schwere Schicksal der Russlanddeutschen informiert seien.   

Teilen