Thorsten Geiß setzt auf Vision für seine Kirchengemeinde. Foto: Gregor Starosczyk-Gerlach

Lokale: Seit knapp einem Jahr sind Sie der Pfarrer in St. Martin in Finthen. Wie geht es Ihnen Herr Pfarrer Geiß?

Thorsten Geiß: Gut. Den Schritt hierher zu gehen, bereue ich nicht. Nach 13 Jahren Klein-Winterheim, Ober-Olm und Essenheim habe ich gemerkt: Ich könnte auch mal woanders hingehen. Als die Ausschreibung für Finthen kam, habe ich mich dann auf die Stelle beworben. Warum Mainz? Ich bin zu einem Liebhaber von Mainz und der Umgebung geworden. Noch habe ich nicht alles in der Pfarrgemeinde gesehen, habe aber das Gefühl nach den ersten zehn Monaten in Finthen, jetzt kann es für mich richtig losgehen.

Lokale: Wie meinen Sie das?

Thorsten Geiß: Das Jahr habe ich gebraucht um anzukommen. Ich habe offiziell am 30. September in Klein-Winternheim aufgehört und am 1. Oktober in Finthen angefangen. Zusätzlich habe ich im Oktober meine Ausbildung zum Supervisor beendet, dafür habe ich noch ziemlich viel Zeit gebraucht. Danach prägte das gegenseitige Hineinschnuppern und Kennenlernen das Jahr. Von Seiten der Gemeinde war die Neugier auf den ,Neuen‘ natürlich genauso groß wie meine Neugier auf die Gemeinde. Neben dem Kennenlernen hat sich aber auch in der ersten Zeit schon in vielen Bereichen Neues entwickelt. Baulich musste einiges geleistet werden, aber es waren auch in andern Bereichen Umstrukturierungen und daher Entscheidungen notwendig. So etwas gefällt natürlich dem einen mehr, dem anderen weniger.

Lokale: Wie gehen Sie damit um?

Thorsten Geiß: Es gibt immer Dinge, die an einem kratzen. Aber ich versuche, immer das Positive zu sehen, das überwiegt.

Lokale: Was erleben Sie in Finthen anders als zuvor?

Thorsten Geiß: Vorher betreute ich zwei Gemeinden. Jetzt ist es eine. Das ist Luxus, wenn man die Strukturen in Mainz mit jenen in anderen Bistümern vergleicht. Dennoch ist die Kirchengemeinde in Finthen keine homogene Einheit. Zweifellos ist Finthen sehr katholisch und reich an Traditionen, die speziell im Ortskern stark gelebt werden. Es gibt aber auch die Gebiete wie den Layenhof, wo ich jetzt die ersten Kontakte geknüpft habe. Dann die Römerquelle mit dem Sertoriusring. Ich habe manchmal den Eindruck, als wäre dieses Gebiet etwas abgekoppelt. Obwohl dort unsere Kirche, St. Hedwig, steht. Angesichts der 5000 Menschen, die dort leben, sind wir gehalten nachzudenken, wie wir da als Kirche in Erscheinung treten.

Lokale: Sind das Ihre ersten Aktionspläne?

Thorsten Geiß: Ich will zunächst Kontakte knüpfen und die Grundlagen schaffen, damit die Menschen einfach merken, dass es in Finthen eine katholische Kirchengemeinde mit einem Pfarrer gibt, die Interesse an ihnen zeigen. Ich schaue fürs Erste nach dem, was da ist: Das Mehrgenerationenhaus, der „Katzenbergtreff“ oder die IG-Layenhof. Nicht zuletzt auch die Flüchtlingsunterkunft auf dem Layenhof ist nicht nur mir, sondern dem ganzen Pastoralteam und vielen anderen Menschen sehr wichtig. Ich will zunächst das Gespräch suchen und die Kontakte mit den Menschen pflegen. Gespräche über den Glauben ergeben sich meist auch auf diesem Weg. Für mich sind solche Begegnungen eine große Bereicherung.

Lokale: Mal was anderes, wo haben Sie zuletzt bildlich gesprochen, Gott gesehen und den Sinn dessen wiedererkannt, wofür Sie das alles tun?

Thorsten Geiß: Mich spricht der Wahlspruch unseres neuen Bischofs von Mainz an: „Das Reich Gottes ist uns nahe gekommen.“ Ich möchte versuchen, nach diesem schon eingebrochenen Reich Gottes Ausschau zu halten. Gott ist überall zu sehen und zu erfahren. Das reicht von der Situation, in der ich einen Menschen glücklich machen und ihm helfen konnte bis hin zur Erfahrung schöner Gottesdienste wie beispielsweise meine erste Osternachtfeier in Finthen. Solche Momente bauen mich auf. Da kann ich Gott spüren. Da weiß ich besonders, warum ich Priester geworden bin.

Lokale: Was ist Ihr Wunsch für Ihre Kirchengemeinde?

Thorsten Geiß: Die Kirche positiv in die Zukunft führen. Der Sonntagsgottesdienst als Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens ist und bleibt der Mittelpunkt einer Gemeinde. Aber meine Vision ist es, über den Gottesdienst hinaus über die Freude des Glaubens zu sprechen und diesen zu leben. Bei Taufgesprächen, Ehevorbereitungen, Schulgottesdiensten, Besuchen im Kindergarten und vielen anderen Bereichen ist das in einer scheinbar glaubensarmen Gesellschaft durchaus möglich. Als Kirche von heute müssen wir Flagge zeigen, dabei aber auch neu- und umdenken und uns auf die Menschen einlassen, die heute leben.

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