Start Editorial_Petermann Mit offenen Augen durchs Leben

Mit offenen Augen durchs Leben

Neulich fiel mir auf, dass meine Enkelin große Augen macht, wenn ich sie enttäusche, wenn ich ihr etwas verweigern muss, was gefährlich oder ungesund wäre. Sie wendet sich dann mit extra großen Augen mir zu, als könne sie es nicht glauben oder als wäre da noch ein Weg, ihr Ziel doch zu erreichen.

Wenn ich hingegen Erwachsene enttäusche, weil ich einen Termin absagen muss oder einem Anliegen nicht nachkommen kann, so verengen sich deren Augen merklich. Entweder als würden die Pupillen in sich hineinkriechen, um sich zu verstecken vor dem eigenen unerfüllbaren Begehren. Als gelte es, schnell jede Enttäuschung nach innen zu richten in Resignation, im Wegstecken der eigenen Bedürfnisse. Oder die Augen mutieren zu angriffslustigen Schlitzen, aus denen der ganze Unbill emsig auf den Verursacher gefeuert wird.

Mit einem durch Trauer oder Zorn verengten Blick sieht man allerdings weniger. Der Blick nach rechts und links, nach oben und unten bedarf mehr Beteiligung des Kopfes. Alles ist konzentrierter auf ein kleines Feld. Wohingegen man mit weiten Augen mehr Licht empfängt und die weichen Schattierungen nur dem geweiteten Blickwinkel erschlossen werden. So kann die Offenheit des Blicks auch das Herz erreichen und ermöglicht somit sicherlich auch eine erweiterte Reaktion auf Erlebtes.

Doch irgendwie scheint uns diese Fähigkeit im Laufe des Lebens abhanden zu kommen. Schade, dabei wollen wir doch alle mit offenen Augen durchs Leben gehen.

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