Dr. Helmut Hochgesand (2. v.li.) im Gespräch mit Zeitzeugen. Foto: Elke Fauck

GONSENHEIM – Es gibt Themen, die sollten behandelt werden solange es noch Zeitzeugen gibt. Eines davon sind die Begebenheiten des Dritten Reiches. 
Dr. Helmut Hochgesand vom Heimat- und Geschichtsverein hat sich eingehend mit dem Schicksal der Juden in Gonsenheim befasst und im Drehbuch zu seiner szenischen Lesung die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus wieder auferstehen lassen.  
Ehrenamtliche des Stadtteiltreffs und eine Mitarbeiterin des Instituts für Geschichtliche Landeskunde verkörperten die betroffenen Personen und stellten sehr authentisch deren Leidensweg dar.  

Stellvertretend für alle 23 deportierten Gonsenheimer Jüdinnen und Juden, von denen nur eine überlebte, wurde hier das Leben von fünf ehemaligen Mitbürgern nachgestellt. Sie waren alle in Mainz und Umgebung geboren, gingen ihrem Berufsleben nach und bewohnten in der Regel ihr eigenes Haus. Doch wurden die Betroffenen gezwungen, ihre Häuser zu verkaufen und in ein sogenanntes „Judenhaus“ zu ziehen.  
Die grauenvollen Schicksale schockierten die rund 70 Zuhörer, die sich im Stadtteiltreff einfanden, ebenso wie die anschließenden Zeitzeugen-Berichte.  

Zum Zeitzeugengespräch waren drei Gonsenheimer (alle Jahrgang 1929) eingeladen.  
Franz Becker, dessen Vater die Bäckerei in der heutigen Mainzer Straße hatte, berichtete, wie sein Vater heimlich Brot an Juden verkaufte, damit es niemand sah. Mit zehn Jahren trat Becker in die HJ ein. Auf die Frage, ob bei Beckers zu Hause über die Judenverfolgung geredet wurde, konnte er sich nur an einen Satz erinnern, den er des Öfteren gehört hatte: „In Dachau ist noch viel Platz.“ 
Beckers Altersgenosse, Joe Ludwig, hatte wohl in seinem Elternhaus mehr Gespräche zu diesem Thema. Für die Aufnahme an der Hermann-Göring-Schule (heutiges Schlossgymnasium) war eine HJ-Mitgliedschaft Voraussetzung. Eines Tages wurde Ludwig in der Schule vermittelt, Hitler sei Architekt. Als er davon zu Hause berichtete, sagte sein Vater: „Das stimmt nicht, der ist Tüncher“, was sein Sohn am Folgetag in der Schule thematisierte. Daraufhin wurde der Vater in die Schule geladen und vom Lehrer gewarnt wegen dieser Äußerung. Ludwigs Vater, der bis 1933 politisch aktiv war und sich maßgeblich an der Rettung Gonsenheimer Juden beteiligte, hatte in seinem Keller einen Juden versteckt, was ihm fast zum Verhängnis geworden wäre, wäre da nicht ein einsichtiger Gestapo-Mitarbeiter gewesen. Nach ihm wurde der Josef-Ludwig-Platz benannt. 

Johannes Schülers Großmutter väterlicherseits war Jüdin. Zwar waren schon Generationen zuvor zum Protestantismus konvertiert, doch im Dritten Reich galt die „Rasse“. Deshalb hatte sein Vater als Architekt Berufsverbot. Somit musste er von Warenauslieferungen bis hin zur Pilzzucht alles machen, um seine Familie zu ernähren.  
Ergänzend zu dieser Veranstaltung ist im Stadtteiltreff die Ausstellung „Jüdische Nachbarinnen und Nachbarn zwischen Integration und Ausgrenzung“ noch bis Mitte Oktober zu sehen. 
Der Leiter des Stadtteiltreffs, Stephan Hesping, und seine Mitstreiter waren überwältigt von dem riesigen Zuspruch der Veranstaltung. Es gibt Überlegungen einer Wiederholung an einem anderen Ort. 

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Elke Fauck
Seit November 2013 arbeite ich als freie Mitarbeiterin für die Lokale Zeitung. Hauptsächlich schreibe ich für Gonsenheim, Mombach und Finthen – aber auch gelegentlich andere Vororte oder die Innenstadt. Ich favorisiere kulturelle Veranstaltungen wie Vernissagen, Konzerte etc., auch während der Fastnachtszeit bin ich sehr gerne für die Lokale unterwegs. Doch die Mischung macht’s – deshalb berichte ich über alle Themen.