Traberts Fazit: „Die EU-Außenpolitik und die Rolle Deutschlands dabei sind schlichtweg eine Katastrophe.“ Foto: Helene Braun

Bodenheim – Oft hört man, vor allem aus Berlin, die Mittel, die für Flüchtlinge benötigt würden, gingen den deutschen Wohnsitzlosen ab. Medizinprofessor Gerhard Trabert, der sich sowohl für die einen wie die anderen einsetzt, sagte in seinem Vortrag im Dolleskeller: „Es soll keiner sagen, wir hätten nicht genug Geld. Wir sind das viertreichste der Land der Welt und das reichste in Europa.“ Er berichtete auf Einladung des „Kulturbunten Bodenheim“ über seine Erfahrungen, die Lebensbedingungen der Geflüchteten in den Camps im Libanon, in der Türkei und in Griechenland, aber auch die Lebensbedingungen obdachloser und armer Menschen in Deutschland und konkret in Rheinhessen, wo er mit seinem Arztmobil wohnsitzlose Menschen medizinisch versorgt.

Seit etwa 20 Jahren engagiert Trabert sich zudem auch in internationalen Krisengebieten ärztlich. Bundesweit hat er modellhafte Projekte angestoßen. Er sagte: „Ich erzähle nichts aus zweiter Hand, ich war in verschiedenen Ländern und merke: Viele wissen hier nicht mehr, warum Menschen geflohen sind.“ Dass Menschen, die beispielsweise wegen der Dürreperioden in Afrika direkt vom Hungertod bedroht sind, unterstellt wird, sie wollten nur am Wohlstand teilhaben, oder Frauen vorzuwerfen, sie seien ja bereits genitalverstümmelt, warum dann noch fliehen, sind Argumente, die jedem Anspruch auf Menschenwürde ins Gesicht schlagen.

Trabert erzählte von einer Frau, die mit ihren drei kleinen Mädchen flüchtete, um ihnen dasselbe Schicksal zu ersparen. Ein Schicksal, das lebenslange Schmerzen mit sich bringt. Und Trabert fand hier klare Worte zu beschreiben, was mit den Frauen – wohlgemerkt nicht aus religiösen Gründen – geschieht. Auch mit Beschneidung habe diese patriarchalisch geprägte Kultur nichts zu tun. „Wir müssen auf diese Frauen mit Angeboten offensiv zugehen, auch medizinisch können wir ihnen hier helfen.“

Nach dem Besuch in einem Flüchtlingslager im März im Norden von Syrien hatte der Sozialmediziner von katastrophalen Zuständen berichtet. Für 5000 Menschen in der Zeltstadt Ayn Issa gebe es nur zwei Wasserstellen und vier Toiletten. Täglich kamen 100 bis 200 Flüchtlinge aus der irakischen Stadt Mossul und der syrischen Stadt Rakka an. „Mittlerweile sind es 70.000.“ In Afghanistan war er mehrfach und Trabert weiß: „Die Abschiebungen dorthin zurück sind nicht menschenrechtskonform. Die Menschen werden in die absolute Armut und in den Tod getrieben.“

Und Trabert berichtete von seinen Erfahrungen in Idomeni im letzten Jahr, von zwei von drei Millionen Flüchtlingen in der Türkei, um die sich keiner kümmert, von traumatisierten Kindern, von Vergewaltigungen während der Flucht. Und er erzählte von seinen Erlebnissen auf der Seawatch und der Seawatch II, die Schiffe, mit denen er in den letzten Jahren auszog, Menschen aus dem Meer zu retten. Von Booten, die so klein waren, dass sie von keinem Radar erfasst wurden und die aufs offene Meer hinausgetrieben worden wären, wäre da nicht die Seawatch mit ihrer Besatzung gewesen. Von Frontex, der Agentur, eingesetzt von der EU, die europäischen Grenzen zu schützen, die die Schlauchboote zurückdrängt ins Meer. Oder von deren Mission Triton, deren Schiffe so vor Sizilien positioniert sind, dass kein Flüchtlingsboot es bis dahin schaffen kann. „Es geht nicht darum, Menschen zu retten, sondern primär darum, Schlepper zu identifizieren.“

Traberts Fazit: „Die EU-Außenpolitik und die Rolle Deutschlands dabei sind schlichtweg eine Katastrophe.“ Man denke nur an die Schließung der Balkanroute, die mit dem sogenannten Türkei-Deal einhergehe. Was er tue, sei auch immer ein Stück Widerstand gegen „eine Politik, die immer mehr die Menschenrechte aus den Augen verliert.“

Weitere Infos unter www.armut-gesundheit.de.

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Helene Braun
Seit 2003 bin ich für die Lokale Zeitung journalistisch tätig. Von 2014 bis Ende 2018 war ich Redaktionsleiterin für die Mainzer Stadtteile und die Verbandsgemeinde Bodenheim. Meine heutigen Schwerpunkte liegen auf allem, was im und vor Ort geschieht und für die Leser interessant ist. Dies sind Berichte, Reportagen und Fotos aus Lokalpolitik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Vereinen, zu besonderen Events und kuriosen Begebenheiten.